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1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020

Die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus
Lukasevangelium 16, 19-31

Liebe Gemeinde,

Einmal erzählte Jesus eine Geschichte: Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur so wie ein König. Er hatte auch Gewänder aus kostbarer Leinwand, die im fernen Ägypten gewebt wurden.  In seiner großen Villa gab er rauschende Feste. Sein ganzes Leben war ein Fest. Von einem Höhepunkt zum nächsten feierte er. Was für ein Mensch.

Der Theologe Helmut Gollwitzer verglich den reichen Mann mit uns. Er sagte: „Wir gehören weltweit gesehen zu dem Teil der Menschheit, das mit Entfettungskuren beschäftigt ist, während die anderen mit Hungern und Verhungern beschäftigt sind.“

Wir gehören zum Teil der Welt, der in einem enormen Wohlstand lebt. Nur haben nicht alle an diesem Wohlstand Teil. Wir fragen uns morgens vor dem Kleiderschrank nicht, „Was sollen wir anziehen?” weil wir nichts anzuziehen haben, sondern weil die Auswahl an Kleidung so groß ist. Sicherlich können wir uns nicht jeden Wunsch erfüllen, aber wir können darauf hin sparen und es uns dann vielleicht kaufen. Weltweit gesehen sind wir wohl „der Reiche“, auch wenn wir uns im Vergleich mit anderen Menschen in Deutschland gar nicht als reich bezeichnen würden.

Wenige Meter von diesem reichen Mann entfernt im Straßendreck lag ein anderer Mann mit Namen Lazarus. Er war schwer krank. Sein Körper war entstellt von Geschwüren. Wilde Hunde leckten mit ihrer rauen Zunge seine offenen Geschwüre. Das Elend persönlich stellt Jesus uns hier vor Augen. Dieser Lazarus ernährte sich von den Brotfladen, die man in wohlhabenden Häusern zum Abwischen der Hände benutzte und danach unter den Tisch warf. Lazarus schaute, was der Reiche aus seinem Überfluss in den Mülleimer warf.

Auch hier die Frage: Sind wir vielleicht auch mit dem Lazarus gemeint? Wenn man den Lazarus nicht als den „Armen“, sondern als den Prototyp des Leidenden sieht, als den der fürchterlich leidet, dann wird manch einer von uns sich auch in die Nähe des Lazarus einordnen: An mir geht das Leben vorbei. Ich habe keinen Anteil daran. Vielleicht sagt mancher, dass er sich in einer Lebenskrise wie dieser Lazarus gefühlt hat. Da war keine Kraft mehr. Da brach einem der Boden unter den Füßen weg. Der leidende Lazarus hatte nichts vom Leben. Er war ausgestoßen. Er war einsam. Er hatte Schmerzen. Er war vollkommen heruntergekommen. Er steht für den Menschen in der Krise, der an diesem Leben zerbricht. Erschöpft.

Während der Reiche alle Tage herrlich und in Freuden lebt, geht das Leben am anderen vorbei.
In der Geschichte bekommt Lazarus nach seinem Tod den Ehrenplatz an Abrahams Seite, den Platz, den die Schriftgelehrten für sich als die Gerechten Israels beanspruchten. Ihm geht es nun gut. Er wird getröstet und von Engeln getragen, von guten Mächten wunderbar geborgen. Der Reiche jedoch, so erzählt es Jesus, stirbt auch und kommt in die Gottferne. 

Es klingt ein bisschen so, als wenn der Reiche büßen müsste. Dabei verliert Jesus kein Wort darüber, dass der Reiche unrechtmäßig zu seinem Reichtum gelangt sei oder dass er dem Lazarus die Habe genommen hätte. Darf der Reiche sich denn nicht an seinem Wohlstand erfreuen? Ist Reichtum verboten?
Die Pointe der Geschichte liegt nicht darin, dass wer reich ist, in die Gottferne kommt und wer arm ist, am Ende belohnt würde. 

Stattdessen geht es Jesus darum, welchen Platz Gott in unserem Leben bekommt. Der Reiche hat in Freuden gelebt. Er hat nichts Schlimmes getan. Aber in seinem Leben kam Gott nicht vor. Und der Nächste direkt vor seiner Haustür kam ihm auch nicht in den Blick. Der Reiche verspielte sein Leben, weil er den Armen nicht wahrnahm. Vielleicht war er so stark mit sich beschäftigt, dass er für Gott keinen Platz hatte. Er hörte nicht, was Gott von ihm in seinem Leben wollte. So blieb sein Leben trotz all des Reichtums am Ende eigentümlich leer. Er starb als namenloser Reicher. 

Hat denn der Arme vor der Tür des Reichen richtig gelebt? Bei ihm müssen wir auf den Namen schauen. Jesus nennt ihn „Lazarus.” Denn Lazarus heißt übersetzt „Gott hilft“. Indem Jesus den Armen „Gott hilft” nennt, zeigt er ihn als Menschen, der seine Lage in Geduld erträgt. Er erträgt seine Lage und hofft auf Gottes Hilfe. Seine einzige Zuversicht ist Gott, trotz seines schlimmen Leidens. Gott hilft. Lazarus ist der, der auf Gott vertraut. Dessen einziger Trost im Leben und im Sterben ist, dass er Gottes Kind ist. Das gilt auch in dem Schweren.

Manche meinen, mit dieser Geschichte würden Menschen vertröstet. Diese Geschichte ist aber keine Vertröstung. Sie ist eine Zumutung. Sie mutet zu, Leiden auszuhalten und weiterhin auf Gott zu vertrauen. Sie mutet zu, gegen allen Anschein zu hoffen, dass Gott sich dieses betrogenen Lebens annimmt. Das Leiden hat ein Ende und Gott wird für diesen Menschen Recht schaffen. Gott hilft, auch in dem tiefsten Leid. Er schafft Recht: Das Leben des Lazarus vollendet sich bei Gott.
Jesus erzählt dann aber noch von den fünf Brüdern des Reichen. Sie genossen den Überfluss. Aber ihnen fehlte der Glaube an Gott. Und damit rannten sie in ihr Unglück. So bat der Reiche den Abraham: „Sende den Lazarus in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Denn wenn einer von den Toten zu ihnen gehen würde, dann würden sie Buße tun“. Abraham aber verwies auf Mose und die Propheten. Die einzige Chance, die die Brüder hatten, war es, auf Gottes Wort zu hören. 

Jesus selbst hat, was hier mit Mose und den Propheten gemeint ist, einmal zusammengefasst: 
„Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.”

Das Wort Gottes leitet uns auf unserem Weg. Es erinnert uns daran, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille sind. 
Sie gehören fest zusammen. Nicht Taten oder Werke um jeden Preis sind hier gefordert. Sondern aus dem Glauben kommt auch die tätige Liebe gegenüber dem Nächsten.

Die Geschichte, die Jesus erzählt handelt nicht von der Zukunft der Menschen, nach dem Motto: So wird das nach unserem Tode im Himmel sein. (Hier wird sogar von einer Hölle gesprochen.) Alle Spekulationen über Gottes Handeln jenseits der Todesgrenze verbieten sich uns letztendlich. 

Die Geschichte handelt von der Dringlichkeit, Gottes Wort zu hören und im Alltag umzusetzen. 

Die Entscheidung fällt am Hören auf das Wort und am Vertrauen und der Hingabe gegenüber Gott, die sich auch durch den Blick auf den Nächsten ausdrückt.
Möge Gott uns immer wieder mit seiner Liebe durchdringen. Möge er unsere Hab-Sucht von innen her auflösen, und uns helfen, uns dem Nächsten zuzuwenden und unseren Weg im Vertrauen auf Gott zu gehen. Amen.

Gebet: Allmächtiger, ewiger Gott, du hast uns in dem Wort der Apostel und Propheten und in Jesus Christus deinen heilsamen Willen kundgetan. Schenke uns deinen Geist, dass wir dein Wort hören, und auch danach leben. Amen.