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Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020

Lied: 406 Bei Dir Jesu will ich bleiben
Evangelium: Johannes 15, 1-8

Text: Johannes 15,5
Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.”

Liebe Gemeinde,
Das Bild vom Weinstock und den Reben prägt sich ein. Man sieht förmlich einen Weinberg mit den vielen Rebstöcken vor sich. Im Herbst, kurz bevor sich das Laub verfärbt, haben die Rebstöcke kräftige Trauben gebildet, aus denen süßer Saft gekeltert wird und leckerer Wein entsteht.
Von den Wurzeln ausgehend fließt die Kraft durch den Stamm nach oben bis in die letzte Rebe hinein, durchfließt sie und schafft die wunderbaren kräftigen Trauben. Ein tolles kraftvolles Bild! 
Woher kommt eigentlich unsere Lebenskraft? Mancher wird sagen: aus mir selbst. Es ist gut, wenn wir uns etwas zutrauen. Es ist gut, wenn wir auf die eigenen Kräfte und das eigene Vermögen vertrauen. Jeder von uns hat von Gott viele Gaben und Begabungen geschenkt bekommen. Diese Gaben und Begabungen können wir in unserem Leben nutzen. Wir dürfen uns dann auch freuen, wenn wir etwas in unserem Leben durch unsere eigene Kraft erreichen.
Aber unsere Lebenskraft ist endlich. Das spüren wir, wenn sich Lebenskrisen anbahnen. Wenn wir ratlos sind und nicht mehr weiterwissen, dann merken wir, dass unsere Kraft schnell am Ende ist. Wenn Krankheiten in das Leben hineinkommen oder die Beziehung zu einem wichtigen Menschen zerbricht, dann merken wir, wie kraftlos wir sind. In der letzten Zeit sagte jemand: „Diese Situation mit dem Corona Virus macht mich richtig fertig.  Es fällt so schwer mit dieser Ausnahmesituation zu leben, wo die Kontakte zu anderen so eingeschränkt sind, weil in naher Zukunft kein Ende abzusehen ist.“  
Statt praller Lebenskraft lähmende Schlappheit und Einsamkeit. Wenn andere dann aufmuntern wollen mit Worten wie: „Komm reiß dich zusammen. Da musst du einfach durch”. Dann denkt man: Der hat gut reden. Der kennt nicht das Gefühl, sich am Ende zu fühlen, am Ende zu sein. 
Ich wünsche mir eine Kraft, die mir hilft auch Schweres zu bewältigen. Ich wünsche mir diese Wurzeln, die mich tragen, wenn der Boden unter den Füßen wegbricht.
Jesus weist auf sich hin. Er sagt: „Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben.“ 
Dieses Wort drückt eine geistliche Erfahrung aus, eine beruhigende Erfahrung: Du musst dein Leben nicht alleine schaffen. Dein Leben ist manchmal völlig anders, als du es geplant und dir vorgenommen hast. Sei dir jedoch gewiss, dass die Kraft aus der Tiefe fließt. Die kräftigende Liebe Gottes ist schon da. 
Das Einzige, was Du tun musst, ist, den Sprung ins Vertrauen auf Gott zu wagen. Riskiere es doch mal, darauf zu vertrauen, dass Gott dich auf deinem Lebensweg begleitet, auch dann, wenn du selbst keine Kraft mehr hast. 
Vertraue doch einfach auf ihn, dass er es wohl machen wird mit dir und deinem Leben, auch in dem Schweren. Das ist keine Garantie für ein sorgenfreies Leben. Aber es nimmt dir einen Teil des Drucks und der Sorge aus deinem Leben. 

Jesus spricht: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.”
Er spricht vom „in mir bleiben”. Er meint, sich ihm einfach anzuvertrauen. Den Tag aus seiner Hand zu nehmen. Den Kampf um das Bestehen und Haben wollen einfach mal für einen Moment ruhen zu lassen und zu spüren, wie Gotteskraft auf einen zufließen kann. 
Wer sein Vertrauen auf den dreieinigen Gott setzt, „der bringt viel Frucht.“
Durch Gottvertrauen entsteht Bewegung und Wachstum. Leben mit Gott heißt „wachsen“. Neue Erfahrungen machen. Gucken, was wirklich trägt und was nicht. Wer sich auf Gott verlässt, ihm vertraut, kann das wie eine Frucht sichtbar werden. Eine Frucht des Gottvertrauens könnte zum Beispiel die Liebe zueinander sein, mit der wir uns untereinander begegnen. All unser Tun soll ja von Liebe bestimmt sein. 
Der Kirchenlehrer Augustinus sagte einmal: „Liebe – und (dann) tue, was du willst“. Es wird Frucht sein, weil alles Tun von der Liebe geleitet und durchdrungen ist. Es geht um die Liebe in einer konkreten Situation.
Die Liebe drückt sich zum Beispiel darin aus, Rücksicht zu nehmen auf den, der nicht so schnell mitkommt, aufeinander zu achten, sich nicht gegenseitig fertig zu machen, füreinander zu sorgen, füreinander da zu sein. Die Tür zur Versöhnung offen zu lassen. Wenn wir so leben, zeigen wir, dass wir Gemeinde Jesu Christi sind und auf den dreieinigen Gott vertrauen.
Gerade jetzt in der Corona-Pandemie erleben wir, wie an vielen Stellen Menschen zusammenrücken, um sich gegenseitig zu helfen. Nachbarn achten aufeinander und machen Besorgungen für die, die im Moment aus gesundheitlichen Gründen nicht das Haus verlassen dürfen. In der Gemeinde hat sich in den vergangenen Wochen eine Einkaufshilfe entwickelt, bei der sich 30 Ehrenamtliche bereit erklären, für andere einzukaufen. 
Ich denke an die vielen, die sich innerhalb kürzester Zeit gefunden haben um vor Ostern flächendeckend einen Gruß der Gemeinde in alle Häuser zu bringen.
Wo man gegenseitige Besuche vermeiden soll, spielt das Telefon eine viel größere Rolle um miteinander Kontakt zu halten. Wir erfahren, wie es dem anderen geht und tauschen uns miteinander aus.  
Weil wir von Gottes Liebe angestrahlt werden, können wir diese Liebe in unserem Miteinander auch ausstrahlen. Konkrete Frucht. 
Ich wünsche mir, dass wir von dieser Erfahrung des Miteinanders auch etwas über die Zeit nach Corona, die ja kommen wird, hinaustragen.
Ich wünsche mir, dass wir uns den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben schärfen, unnützen Ballast erkennen und ihn loslassen.
Jesus lädt uns ein, im Vertrauen auf Gott zu leben und uns von seiner Kraft durchströmen zu lassen. Wir sind dadurch nicht „besser“ als andere Menschen. Wir werden auch weiterhin in unserem Leben Fehler machen. Wir werden Stärken und Schwächen haben, wie andere auch. Unsere Sorgen sind nicht einfach weg. Aber sie haben ihren Ort bei Gott, dessen Kraft uns hält und durchströmt. 
Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.”
Mögen wir unser Vertrauen auf ihn setzen und ihn darum bitten, dass er zu unserem Wollen auch das fruchtbare Vollbringen schenkt. Gott segne Sie. Amen.

Gib mir Kraft für diesen Tag! Herr, ich bitte nur für diesen, 
dass mir werde zugewiesen, was ich heute brauchen mag. 

Jeder Tag hat seine Last, jeder Tag bringt neue Sorgen, 
und ich weiß nicht, was für morgen Du mir, Herr, beschieden hast. 

Aber eines weiß ich fest, dass mein Gott, der seine Treue
täglich mir erwies aufs Neue, sich auch morgen finden lässt. 

Gib mir heute Deinen Geist, der mich hält mit dir verbunden, 
dass das Band werd stark erfunden und bis morgen nicht zerreißt. 

Und so will ich meine Bahn ohne Sorgen weiterschreiten. 
Du wirst Schritt für Schritt mich leiten, bis der letzte Schritt getan.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Ernst Schmidt