Lesepredigt zum Mitnehmen

Weihnachten, Dezember 2020
Wochenspruch: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch 
große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Da-vids." (Lukasevangelium 2, 10-11)

Predigt: Ein Licht scheint in der Finsternis
Eigentlich mag ich die Adventszeit, auch wenn sie für Pfarrerinnen und Pfarrer oft mit viel Arbeit und wenig Besinnung verbunden ist. Ich mag die Adventszeit, in der die Fenster und Wohnungen ge-schmückt und erleuchtet sind und die Dunkelheit von Licht durchbro-chen wird. 

Und ich mag Weihnachten: wenn wir als Familie am 24. Dezember morgens den Baum mit roten Kugeln und Lichtern schmücken, dann freue ich mich. Und wenn an Heiligabend die Kirche voller Men-schen und unruhiger Vorfreude ist, dann lacht mein Herz.

Durch die Corona-Pandemie war auch die Adventszeit wie so vieles in diesem Jahr für mich und bestimmt auch für Sie ganz anders. Zwar habe ich auch in diesem Jahr unsere Wohnung und unsere Fenster mit Lichtern und Sternen geschmückt, aber die Treffen mit der Familie und Freunden und der Bummel über den Weihnachts-markt, die Adventsandachten und Weihnachtsfeiern, das Adventssin-gen am 3. Advent und das Weihnachtsstück im Theater - all das, was den Dezember ausmacht, habe ich in diesem Jahr schmerzlich ver-misst. Und nun können wir noch nicht einmal zusammen an Weih-nachten Gottesdienst feiern.

Das Ende dieses Jahres, das uns allen durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie viel abverlangt hat, empfinden viele Menschen als traurig und dunkel. Viele von uns haben Ängste und Sorgen: Existenzängste, da einige Branchen durch den Lockdown schwer betroffen sind; Angst um die eigene Gesundheit oder um die Gesundheit von Familie und Freunden; Sorgen, wie sich die Kontaktminimierung auf uns als Gesellschaft und Gemeinde auswirkt. Wir können schon jetzt ahnen, welche Spuren diese Zeit in uns hinterlas-sen wird. Es ist eine dunkle Zeit, in der wir uns befinden.

Es ist eine finstere Nacht, in der Jesus geboren wird. Doch diese Nacht wird vom Licht durchbrochen: ein Stern scheint auf und leuch-tet hell am Himmel. Der Hinweis auf ein ganz besonderes Ereignis: ein König wird geboren. Der Stern zieht die Aufmerksamkeit von Menschen in aller Welt auf sich, einige Wissenschaftler machen sich auf den langen Weg, um den neuen König zu begrüßen.
Es ist eine finstere Nacht, in der Jesus geboren wird. Die Hirten sit-zen wie jede Nacht ums Feuer auf dem Feld. Sie kennen es nicht an-ders. Doch plötzlich erhellen Engel die Dunkelheit und verkünden die frohe Botschaft: Fürchtet euch nicht! Heute ist euch der Heiland geboren! Er wird die Welt verändern. Plötzlich scheint die Finsternis verschwunden, denn die Engel und der Stern leuchten hell. Und in die Herzen der Menschen zieht Hoffnung ein. Vielleicht zu Anfang noch ganz wenig und klein, aber sie wird immer größer. Die Hoff-nung, dass alles gut werden wird. Die Hoffnung, dass Gott den Men-schen ganz nah ist. Die Hoffnung, dass das Licht die Dunkelheit durchbricht und vertreibt. 

Diese Sehnsucht nach Licht und Hoffnung verbindet uns mit den Hirten und des Weisen der Weihnachtsgeschichte. Sie machen sich auf den Weg, den neuen König zu suchen – und finden ein Neugeborenes in einem Futtertrog in einem ärmlichen Stall. Und trotzdem spüren sie die Hoffnung, die von diesem Kind ausgeht. Und das Licht, das sie in diesen Stall nach Bethlehem geführt hat, dieses Licht be-gleitet sie, als sie von dem Kind Abschied nehmen. 

Die Hoffnung bewegt die Hirten und die Weisen und immer mehr Menschen, so dass wir heute noch jedes Jahr diesen Tag feiern, an dem Gott das Licht der Hoffnung hell aufscheinen lässt, indem er als Kind in der Krippe zu uns Menschen kommt: An Weihnachten freuen wir uns über das Licht, das uns den Weg zur Krippe weist. Und über die Hoffnung, dass eines Tages alles gut werden wird.

Wie wichtig Licht und Hoffnung für uns sind, davon erzählt ein Märchen aus den Philippinen: 
Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. Er versammelte die Weisen seines Landes und rief seine beiden Söhne herbei. Er gab jedem der beiden fünf Silberstücke und sagte: „Ihr sollt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend füllen. Womit, das ist eure Sache.“ Die Weisen sagten: „Das ist eine gute Aufgabe.“ 

Der älteste Sohn ging davon und kam an einem Feld vorbei, wo die Arbeiter dabei waren, das Zuckerrohr zu ernten und in einer Mühle auszupressen. Das ausgepresste Zuckerrohr lag nutzlos umher. Er dachte sich: „Das ist eine gute Gelegenheit, mit diesem nutzlosen Zeug die Halle meines Vaters zu füllen.“ Mit dem Aufseher der Arbeiter wurde er einig und sie schafften bis zum späten Nachmittag das ausgedroschene Zuckerrohr in die Halle. 

Als sie gefüllt war, ging er zu seinem Vater und sagte: „Ich habe dei-ne Aufgabe erfüllt. Auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zu warten. Mach’ mich zu deinem Nachfolger.“ Der Vater antwortete: „Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten.“ 

Bald darauf kam auch der jüngere Sohn. Er bat darum, das ausgedroschene Zuckerrohr wieder aus der Halle zu entfernen. So geschah es. Dann stellte er mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein. 

Der Vater sagte: „Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast sie mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen.“

Dieses Märchen zeigt: wir Menschen sehnen uns nach Licht und Hoffnung. Immer und zu allen Zeiten. Gerade dann, wenn es dunkel und finster um uns herum scheint, wenn wir Sorgen haben und an der Situation leiden, gerade dann brauchen wir ein Licht, das uns leuchtet und das nicht verlischt. So wie das Licht von Weihnachten immer wieder hell aufleuchtet, die Finsternis mit ihren Sorgen und Ängsten vertreibt und uns Hoffnung schenkt, weil Gott uns ganz nah ist in aller Angst und Sorge. Und so wünsche ich uns allen, dass das Licht von Weihnachten die Finsternis vertreibt und die frohe Weih-nachtsbotschaft unsere Herzen erreicht sowie Hoffnung weckt. 
Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe