Lesepredigt zu Pfingsten, 23. Mai 2021
Korinther 12, 4-7


„Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist immer derselbe Herr. Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist immer derselbe Gott. Er bewirkt das alles in allen Menschen. Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle.“   (Basisbibel)


Liebe Gemeinde, 
wir sind schon ein ziemlich bunter Haufen. Ganz verschiedene Menschen kommen in dieser Kirchengemeinde zusammen. Jeder und jede hier ist durch die eigene Lebensgeschichte geprägt worden. Wie viele unterschiedliche Charaktere kommen hier zusammen. Konservative, Progressive, politisch und sozial aktive Menschen, Jüngere und Ältere, Frauen und Männer, Menschen mit unterschiedlich ausgeprägter Frömmigkeit.  

Gott sei Dank, dass wir so unterschiedlich sind! Wie langweilig und eindimensional wäre es, wenn wir alle völlig gleich wären.

In unserer Gesellschaft erleben wir, wie sie verarmt. Die Unterschiedlichkeit und Buntheit wird in der Gesellschaft zunehmend unterdrückt. Gerade in diesen Tagen zeigt sich besonders die Fratze des Rassismus, der Intoleranz, der Ausgrenzung und Menschenverachtung. Das widerspricht dem Willen Gottes. Im Internet auf Facebook und Twitter hat sich der Ton verändert. Menschen versuchen ihre Meinung auf Biegen und Brechen durchzusetzen. Wer eine andere Meinung hat, wird isoliert oder beschimpft. „Fake News“, falsche Nachrichten werden genutzt um zu manipulieren und eine bestimmte Meinung durchzusetzen. Wie verroht und wie verarmt ist diese Gesellschaft dadurch geworden. Bekommt das Leben nicht die Farbe durch die Vielgestaltigkeit? Wo ist die Nächstenliebe über die Grenzen von Religion, Hautfarbe und sexueller Orientierung usw. zu finden? 

Das Leben in aller Verschiedenartigkeit kann zu einer großen Weite führen. Wenn das verbindende der Geist Gottes ist, dem wir in unserem Leben Raum geben sollen, dann wird das Leben reich. Die Unterschiedlichkeit bereichert uns in unserer Kirchengemeinde. 

Das möchte ich Ihnen am Beispiel von Gewürzen erklären:
Da gibt es die süßen Gewürze, Kardamom, Nelken und Zimt; die Heißmacher, die auch sehr scharf sein können, wie Chili, Paprika und Pfeffer; die Medizinfrauen, wie Koriander, Gelbwurzel, Kreuzkümmel, die den inneren Haushalt in Ordnung bringen. Und, jetzt wird´s wichtig: Wenn wir die Gewürze für die Zubereitung des Essens nutzen, geht es bei guten Köchen nicht um den Gleichklang der Gewürze, nicht um das Treffen in der Mitte. Nicht um eine einfache Harmonie. Nein, es geht auch um die Gegensätze. Es geht um eine andere Form der Harmonie aus der Neues, Lebendiges entsteht. Um eine neue Farbe, eine neue Idee, einen neuen Geschmack zu kreieren, braucht es die Unterschiedlichkeit: Der Kardamom nimmt dem Pfeffer seine Schärfe, aber der Pfeffer kann dadurch seine wärmende Wirkung umso besser entfalten. Der Pfeffer nimmt dem Kardamom seine Süße ein wenig, macht ihn aber appetitanregend. So bringt jedes Gewürz etwas mit, eine Farbe, ein Aroma, dass dem Essen als Ganzes den letzten Pfiff verleiht. 

Es entsteht ein kulinarischer Genuss, es entsteht etwas Neues, das ein Gewürz alleine gar nicht so schaffen würde. 

Wie bei den Gewürzen, so muss auch christliche Gemeinde sein. Bewegt vom Geist geben wir uns in unserer Unterschiedlichkeit dort hinein. Jeder bringt seine Farbe, sein Aroma, seine ihm eigene Art mit und stellt sich in den Dienst, denn es ist ein Herr und ein Gott und ein Geist.

Was bringen Sie mit in die Gemeinde? Welche Gabe haben Sie? Was können Sie gut? Was zeichnet sie ganz besonders aus? Für welche Gabe sind sie persönlich dankbar?

Der Eine hat viele handwerkliche Fähigkeiten; die andere kann gut organisieren. Wieder eine andere kann ausgesprochen gut zuhören, und wieder einer strahlt etwas aus, dass man sich in seiner Nähe wohlfühlt. Da gibt es die Kuchenbäckerin, den Sänger, oder die, die sich durch profunde Finanzkenntnisse auszeichnet. Da ist der Flötist, die Dichterin und der „Anpacker“. Da ist die Spontane, die positive Veränderungsprozesse auslöst und der, der Mit-leiden kann, wenn andere in Not sind. Da ist der Beter, der andere im Gebet vor Gott bringt und die Fröhliche, der es so leicht fällt, andere mit ihrer Freude aus ihrer Traurigkeit herauszuholen. Da ist der, der einem ein großes Grundvertrauen entgegenbringt und dadurch zum Vertrauen und sich öffnen anregt. Wenn der Geist Gottes wirkt, so wird dieses Vertrauen nicht ausgenutzt werden, denn Falschheit ist mit dem Geist Gottes nicht vereinbar. 

Hier in unserer Gemeinde kommen die unterschiedlichen Menschen mit ihren verschiedenen Gaben zusammen. Gott hat sie uns geschenkt. Wichtig für Paulus ist, dass da der eine verbindende Geist vorherrscht, der sich zum Nutzen aller in einem jeden offenbart. Der „Nutzen für alle“ wird bei Paulus als Kriterium dafür genannt, dass sich in einer Gabe auch der Geist Gottes offenbart. Wer zaudert um des Zauderns willen und eine Gemeinde so ausbremst, dass sie nicht in Bewegung kommen kann, muss nicht vom Geist Gottes bewegt sein. 

Gottes Geist weist nach vorne in die Zukunft. Davon erzählt die Pfingstgeschichte. Sie erzählt, wie die Jünger durch den Geist Gottes in Bewegung kommen. Der Geist erfüllt sie und treibt sie buchstäblich nach draußen, damit sie den Menschen von Jesus erzählen. Die Pfingstgeschichte erzählt, wie sich viele taufen lassen und die erste Gemeinde in Jerusalem entsteht. Erfüllt vom Geist Gottes versuchen sie als erste Christengemeinde miteinander in aller Unterschiedlichkeit in großer Einheit zu leben. Es ist eine Kraft, die sie in Bewegung setzt. Diese Kraft Gottes kann auch in unserer Kirchengemeinde wirken.

Wir brauchen diese Kraft. Wir brauchen den Geist Gottes, denn wir stehen vor vielen und großen Veränderungen. Unsere Pastorin Ulrike Kobbe wird in wenigen Monaten nicht mehr im pfarramtlichen Gemeindedienst tätig sein. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für die Gemeindearbeit. Es wird hier nicht so bleiben wie es ist. Auch die Finanzlage und andere äußere Bedingungen fordern uns zu Veränderungen. Wir müssen und werden uns dabei auch von Liebgewordenem verabschieden.  

Das mag manchmal schade sein, aber schlimm ist das nicht. Eine Gemeinde, die sich bewegt, wird damit umgehen können. Wir werden die Zusammenarbeit mit unserer Nachbargemeinde verstärken und zusammenwachsen. So stellen wir zusammen mit der Auferstehungsgemeinde die Jugendarbeit neu auf und intensivieren diese, um junge Menschen an den Glauben an Gott heranzuführen und sie zu begleiten. Wir sind in einem großen Veränderungsprozess. Mit Gottes Geist, und seiner uns erfüllenden Kraft werden wir das schaffen zum Nutzen für alle. 

Es ist immer derselbe Geist, es ist immer derselbe Herr, es ist immer der eine Gott, der uns umfängt und uns fähig macht einander zu helfen, zu fördern, zu unterstützen. Es ist Gottes Geist, Gott selber, der uns die Kraft gibt, uns den jeweiligen Anforderungen zu stellen. 

Das sagt uns die Botschaft von Pfingsten. Wir sind nicht alleine in unserem Denken und Tun. Bewegen müssen wir uns aber schon. Wir können darauf vertrauen, dass Gott zu unserem Wollen auch das Vollbringen schafft. So lasst uns dem Geist Gottes Raum geben. Amen.

Ernst Schmidt