Lesepredigt zum Mitnehmen
Ostersonntag, 4. April 2021

„Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ 
(Mt 28,5-6)

Es war früher Morgen. Noch waren wenige Menschen unterwegs. Diesen Zeitpunkt hatten die drei Frauen verabredet, denn sie wollten nicht gesehen werden. Ihr Ziel: das Grab Jesu. Dort wollten sie seinen geschundenen Leichnam einbalsamieren und in Tücher hüllen. Eine traurige Pflicht für die Frauen, die Jesus nahe standen. Noch immer waren sie taub von ihrem Schmerz, konnten nicht fassen, dass Jesus wirklich tot sein sollte. Doch sie hatten es mit eigenen Augen gesehen. 

Die drei Frauen schauten sich gegenseitig an, als sie aus der Entfernung die Kreuze auf Golgatha sahen. Trotz der Gefahr, verhaftet zu werden, und trotz des Schmerzes, einem geliebten Menschen beim Sterben zuzusehen, hatten sie unter dem Kreuz bis zum bitteren Ende ausgeharrt. Bis sie den Verstorbenen vom Kreuz abnehmen und in das Höhlengrab legen konnten. 
Nun waren die Frauen auf dem Weg zu diesem Grab, ihre Augen noch immer voller Tränen, die Seele voller Trauer, das Herz voller Schmerz. Sie wussten ja, was sie in dem Grab erwarten würde: der Leichnam eines Menschen, den sie begleitet und geliebt hatten, der durch seine Worte und seine Taten so viel Hoffnung und Zuversicht in ihnen geweckt hatte. 

Als sie das Grab erreicht hatten, schauten sie sich noch einmal gegenseitig an, nickten sich zu und strafften ihre Schultern. Der Stein, der die Grabhöhle vor zwei Tagen verschlossen hatte, war ein Stück zur Seite geschoben, die römischen Wachen nicht da. Doch das bemerkten die Frauen kaum, denn sie starrten in das offene Grab …

Liebe Gemeinde, die Frauen gehen traurig und hoffnungslos zu Jesu Grab. Sie meinen zu wissen, was sie erwartet: ein Grab mit einem Leichnam, das löst Trauer und Schmerz in ihnen aus. Diese Erwartungen bestimmen ihren Blick, ihre Handlungen und ihre Gefühle.

Die Erwartungshaltung bestimmt den Blick und die Wahrnehmung – das kenne ich: ich gehe zu einem Trauerbesuch und meine zu wissen, was ich dort vorfinde. Ich telefoniere mit Familien und meine zu wissen, was ich im Gespräch erfahre (nach einem Jahr Corona mit Homeschooling, Homeoffice und/ oder beruflicher Unsicherheit). Ich spreche mit Senior*innen und meine zu wissen, was ich dort höre (nach einem Jahr Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen). 

Erwartungen bestimmen unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit, und das ist gut und richtig. Es würde uns ermüden und überfordern, ohne Erwartungen der Wirklichkeit und anderen zu begegnen. Erwartungen geben uns Halt und Sicherheit, doch sie beschränken uns auch in unserer Wahrnehmung.

Zurück zur Ostergeschichte: Die Frauen erwarten Jesus tot aufzufinden. Doch der Ostermorgen ent-täuscht die Erwartungen der Frauen, denn das Grab ist leer. Denn entgegen ihrer Erwartungen finden dort den Leichnam des gestorbenem Jesus nicht. Jesu Körper ist verschwunden, statt seiner sehen sie im Grab einen Engel. Und bevor sie sich wundern oder voller Angst weglaufen können, hören sie die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ (Mt 28,5-6).

Und plötzlich ist alles anders und die Frauen erkennen, dass ihre Erwartungen ent-täuscht wurden: Jesus ist nicht tot, er lebt, er ist auferstanden. So wie er es angekündigt hatte. Die Frauen staunen. Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Sie hören, sehen und spüren, dass hier etwas ganz und gar Unerwartetes geschehen ist. Gott hat etwas Unmögliches möglich gemacht: das Leben hat den Tod besiegt. Und ihre Trauer verwandelt sich in österliche Freude, ihre Niedergeschlagenheit in blühende Hoffnung. Und die Frauen laufen los und erzählen den Jüngern und allen anderen Menschen von Jesu Auferstehung.

Das wünsche ich mir und uns auch, dass unsere Traurigkeit und Müdigkeit, unsere Frustration und Gereiztheit in Freude und Hoffnung verwandelt wird. Denn wieder gibt es ein Osterfest ohne Präsenzgottesdienste in der Versöhnungskirche, keine großen Familientreffen, keine Lichtausbreitung in der Osternacht. Wieder ein Osterfest unter Corona-Bedingungen, unsere Erwartungen und Vorbereitungen enttäuscht. 

Doch dieser Ostermorgen vor ungefähr zweitausend Jahren verändert nicht nur die Erwartungen der Frauen, diese Osterbotschaft des Engels gilt auch uns. Der Engel spricht: Fürchtet euch nicht! Fürchte dich nicht, wenn du dich alleine fühlst. Fürchte dich nicht, wenn die Belastungen so groß sind und du dich kraftlos und ausgelaugt fühlst. Fürchte dich nicht, wenn du traurig und hoffnungslos bist. Fürchte dich nicht, hab keine Angst.

Denn Ostern verändert unsere Erwartung: Ja, gerade ist unser Leben durch die Corona-Pandemie belastet und wir sehen noch keine Perspektive. Ja, jede und jeder ist in irgendeinem Bereich seines Lebens von den Einschränkungen existentiell betroffen. Ja, wir alle wünschen uns unser altes Leben mit persönlichen Begegnungen und Umarmungen, mit Shopping und Sport im Verein, mit Restaurantbesuchen und Gottesdiensten mit Kirchencafé zurück. Doch in diesem Jahr müssen wir uns begnügen mit einem Segens-Ei vom Osterstrauß und/ oder dem Licht der Osterkerze, das wir uns vor der Kirche mitnehmen können, und wir können so ein Stückchen Ostern in unsere Häuser tragen.

Egal wie belastet, wie niedergeschlagen und wie traurig wir sind, uns allen gilt die Osterbotschaft: Jesus ist auferstanden. Entgegen aller Erwartung hat Jesus den Tod besiegt. Denn nichts ist für immer, Corona nicht und auch der Tod nicht. Ja, Jesus ist wirklich auferstanden und stellt damit alle unsere Erwartungen auf den Kopf. Gott macht das Unmögliche und Unerwartete möglich: Jesus ist auferstanden und hat den Tod überwunden. So entsteht aus Tod Leben, aus Trauer Hoffnung, aus Traurigkeit Freude. Gott ent-täuscht unsere Erwartungen, denn er ist so ganz anders als wir denken. Aber er ist immer da und immer nah. Gott verwandelt unser Leben, und er fängt heute bei uns an. 

Ich wünsche uns, dass wir uns von der österlichen Freude und Hoffnung anstecken lassen und alles, auch das Unmögliche, Gott zutrauen.

Ihnen gesegnete Ostern, 
Ihre Pastorin Ulrike Kobbe

Hier können Sie die Lesepredigt auch hören