Lesepredigt zum Erntedankfest
Markus 8, 1-9


Die Speisung der 4000
Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. 3Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4Seine Jünger antworteten ihm: Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen? 5Und er fragte sie: Wie viel Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch diese austeilen. 8Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9Und es waren etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Liebe Gemeinde, 
Schon zwei Kapitel vor unserem Predigttext erzählt der Evangelist die gleiche Geschichte als Speisung der 5000. Dort wurden 5 Brote und zwei Fische verteilt. Hier sind es 7 Brote und einige Fische. Während in der anderen Geschichte zwölf Körbe mit Brotbrocken übrigbleiben, werden hier nur sieben Körbe mit Brotresten gefüllt. 
Man könnte meinen, dass die Kraft Jesu in dieser zweiten Geschichte abgenommen habe. Aber darum geht es dem Evangelisten gar nicht. 
Er möchte mit diesen Zahlen etwas Anderes ausdrücken.
Wer sich mit der jüdischen Zahlensymbolik beschäftigt, der weiß, dass im semitischen Kulturkries Vier mehr ist als Fünf und Sieben mehr als Zwölf. Das muss ich erklären. Die Fünf steht als Zahl für das Volk Israel wie auch die Zwölf für die zwölf Stämme des Volkes Israel steht. Fünf Brote, zwölf Körbe mit Resten bedeutet also: Jesus speist das Volk Israel. 
Bei der Speisung der 4000 ist das anders. Die vier ist ein Symbol für die Welt: Vier Himmelsrichtungen, der Kosmos. Und die Zahl Sieben ist ein altes hebräisches Symbol, das für Vollkommenheit steht. Wenn Jesus also sieben Brote unter 4000 Menschen austeilt und am Ende sieben Körbe mit Brotresten gesammelt werden dann heißt das, dass Jesus alle Menschen vollkommen sättigt.
Der Evangelist erzählt diese Geschichte also zwei Mal um uns zu sagen: Das Heil wurde zuerst Israel geschenkt und von dort breitet es sich über die vier Windrichtungen in die Welt vollkommen aus. Seht Gottes große Güte, die nicht nur dem Volk Israel, sondern allen Menschen gilt. 
 
In der Geschichte waren viele Menschen mit Jesus in der Wüste. Sie haben ihn gehört. Er erzählte ihnen ganz neu von Gott. Sie lernten ihn kennen. Nun sollten sie entlassen werden, aber nicht ohne Wegzehrung zu bekommen für das nächste Stück Weg. Jesus sagt: „wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie verschmachten“. Sie sollen also Kraftnahrung bekommen. Brot, Stärkung. In der Wüste ist das jedoch nicht möglich. 
Das erkennen die Jünger sofort. „Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?“

Die Jünger gehen rational vor, so wie wir das auch tun, wenn wir auf den Mangel und Hunger in unserer Welt und unserem Land schauen und uns fragen, wie dieser Hunger gestillt werden könnte mit den wenigen Mitteln, die uns bleiben.

Wie können wir den Mangel in der Welt beseitigen. Wie können wir der hungernden Welt zu Essen geben. Zum einen fällt es uns schwer zu teilen. Zum anderen sind die Strukturen unserer Welt so kompliziert, dass es praktisch unmöglich ist eine gerechte Verteilung auf dieser Erde zu schaffen. 

Auch bei uns in Deutschland herrscht Mangel. Im August schrieb eine Tageszeitung, dass jedes vierte Kind in Duisburg von Armut betroffen ist. 
Wer in Armut lebt hat kaum Geld für Kultur, Freizeit und Bildung zur Verfügung. Einfache Dinge, wie der Besuch des Freibades oder des Kinos, oder das Eis an der Eisdiele bleiben ihnen verschlossen.

Es gibt aber bei uns auch einen anderen Mangel:
Da sind die, die arm an menschlicher Nähe sind. Sie brauchen die Gegenwart anderer. 
Jetzt in der Zeit der Coronapandemie wird deutlich, wie unterschiedlich die Last des Lebens auf Menschen verteilt ist. Für die einen ändert sich fast nichts. Andere kämpfen um ihre berufliche Existenz.
Manchmal sind auch wir selbst die, die Mangel haben, hungrig sind nach Trost, nach Zuspruch, die ausgepowert sind. Die selbst einmal wieder auftanken wollen und müssen. Dann sind wir selbst die Bedürftigen, die Hunger haben und noch nicht satt sind. 
Viel zu groß ist die Aufgabe, den Hunger und Mangel in unserer Gesellschaft zu beseitigen.
Und so stimmen wir in das Lamento der Jünger Jesu mit ein: „Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?“
So schauen wir mit den Jüngern Jesu auf unsere Grenzen.
Jesus dagegen macht es ganz anders.
Er zeigt uns, dass wir auf die Güte Gottes vertrauen dürfen, die auch noch im Mangel den Überfluss bringt. Teilt das Wenige aus!
Jesus nimmt das Brot, spricht das Dank- und Lobgebet, bricht es und lässt er das Wenige, den Mangel austeilen. Er lebt aus dem Vertrauen, dass Gottes Güte unendlich ist: Gott stillt Hunger, er macht satt, er lässt Menschen leben. 
Das Wunderbare geschieht: Alle werden satt! Mehr noch, es ist Überfluss da, sieben Körbe voll mit Brocken bleiben übrig. Sieben, die Zahl der Vollkommenheit.
Und wenn der Evangelist das so erzählt, dann hören wir: „Hier beginnt Reich Gottes.“
Auch wir können im Leben das Wunderbare entdecken, dass da trotz Mangel die Fülle ist.
Ich denke an die Frau aus Schlesien, die mir von ihren schweren Kriegserlebnissen erzählte. Sie hatte alles verloren. Nur mit einem Koffer in der Hand und den Sachen, die sie anhatte kam sie hier an. Der Anfang hier war so schwer. Aber dann erzählte sie auch davon, wie wunderbar Gott sie durch dieses Schwere oft über die Grenzen der Kraft gehende geführt hat. Da war zum Beispiel das Stück Brot, das sie unerwarteter Weise von jemandem bekam. Fülle im Mangel.

Ich denke an einen Mann, der durch eine schwere Krankheit zu einem Pflegefall wurde und der in dieser Krankheit die Nähe Gottes erfahren durfte und sich geborgen fühlte – trotz allem.
Wenn Gott uns den Blick öffnet, dann können wir nur staunen über die Wunder Gottes in unserem Leben. Dann sind wir beeindruckt über Gottes Güte in unserer Kirchengemeinde, dann kommt die Freude über Gottes Erbarmen in der Welt. 

Was bleibt uns zu tun:
Zum einen dürfen wir dankbar die Güte Gottes in unserem Leben empfangen.
Zum anderen bleibt Jesu Auftrag, dass, was er seinen Jüngern gibt auszuteilen. 
Heute am Erntedanktag danken wir Gott für das, was wir empfangen haben. Eigentlich müsste jeder Tag ein „Danktag“ sein…
Das Viele, was uns Gott schenkt sollen wir auch austeilen, andere daran teilhaben lassen.
Eine christliche Gemeinde erkennt man daran, dass sie die Praxis Jesu fortsetzt, dass sie nicht vor der Not resigniert und die Lasten auf andere Schultern abwälzt, auch nicht meint, Gott werde es schon richten und sich zurücklehnt, sondern selbst handelt. 
Eine christliche Gemeinde erkennt man daran, dass sie Gott um das Lebensbrot bittet, was sie selbst nicht besitzt oder machen kann. Die Geschichte von der Speisung der 4000, der Vielen, sagt uns, dass wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu voll Vertrauen von dem, was Gott gibt weitergeben sollen. 
Darum lasst uns aus der Güte Gottes heraus leben. Lasst uns trotz unserer Begrenzungen mit dem, was wir geben können in den Dienst Gottes stellen. Und vielleicht - wenn Gott es uns schenkt -  dann dürfen wir sehen, wie aus dem Wenigen, die Fülle, wie aus dem Mangel der Überfluss, gegen alle sonst sichtbare Wirklichkeit wird.
Möge Gott uns leiten und segnen. Amen.

Ernst Schmidt