Motiv „Barmherzig“,
Illustration: Angelika Litzkendorf
aus:
Jahreslosung 2021,
mit Genehmigung der
Agentur des
Rauhen Hauses Hamburg 2020

Lesepredigt zur Jahreslosung 2021

(zum Motiv „Barmherzig“, Illustration: Angelika Litzkendorf aus: Jahreslosung 2021)

Liebe Gemeinde,


Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6,36
 „Barmherzigkeit“. Das Wort klingt ein bisschen altmodisch und religiös. In einem YouTube Video zum Thema: Was ist Barmherzigkeit? sagte jemand: „Barmherzigkeit, das spielt in der Kirche eine Rolle“. Und als die Reporterin nachhakte: „Und außerhalb der Kirche?“ Da antwortete er: „Da eher nicht.“

Man hat sich so sehr an den Sozialstaat mit Krankenhäusern, diakonischen Einrichtungen und einem sehr guten sozialen Netz gewöhnt, dass der Gedanke der individuellen Barmherzigkeit von Mensch zu Mensch in den Hintergrund gerückt ist.

Das Wort „Barmherzigkeit“ spielt im alltäglichen Sprachgebrauch keine Rolle. Wir würden nicht unbedingt sagen: Ich bin barmherzig. Eher würde man sagen: „Ich habe Mitleid mit jemandem.“ Wobei Mitleid weniger ist als Barmherzigkeit, da Mitleid nicht zwangsläufig zu Konsequenzen führt. Wir empfinden durchaus Mitleid gegenüber den Flüchtlingen auf Lesbos oder in Bosnien in Lipa, die unter unsäglich unwürdigen Bedingungen hausen. Das berührt, wenn wir die Bilder im Fernsehen sehen. Es schmerzt, Menschen leiden zu sehen. Es erweckt Mitleid. Damit daraus aber „Barmherzigkeit“ wird, muss unser Tun unbedingt dazu kommen. Sind wir zum Beispiel bereit die Grenzen in Europa zu öffnen und diese Menschen aufzunehmen?

Das geht doch nicht, sagt die Vernunft. Dann kommen doch viele tausend weitere nach Europa. Wir können doch nicht alle Menschen aufnehmen. Es bringt doch nichts, wenn ich hier und jetzt helfe, wenn sich doch an der Wurzel der Missstände nichts ändert. So spricht die Vernunft. Barmherzigkeit ist anders als Vernunft. Bei ihr schwingt die Liebe zum Nächsten mit. Dem Barmherzigen geht das Leid des anderen so zu Herzen, dass er gar nicht anders kann, als helfen zu wollen. Der barmherzige Mensch tut, was ihm das Herz sagt. Er ist in diesem Tun ganz bei sich.

Wie bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Jesus einmal erzählte. In dieser Geschichte fällt ein Mann auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber. Er wird geschlagen und ausgeraubt. Die Räuber lassen ihn dann halb tot liegen. Ein Priester kommt vorbei und tut so, als wenn er den Verletzten nicht sähe. Ein Levit geht vorbei und lässt ihn liegen. Dann kommt ein Samariter auf seinem Esel reitend vorbei. Er ist ein Ausländer, der auf der Durchreise ist. Einer, von dem niemand erwarten würde, dass er hilft, zumal sich die Menschen aus der Jerusalemer Gegend und der Gegend um Samaria damals spinnefeind waren. Diesen Samariter „jammert“ es bei dem Anblick des Mannes. Er steigt von seinem Esel und versorgt den Verletzten. Er bringt ihn in eine Herberge, gibt dem Wirt Geld für die weitere Pflege und verspricht, wenn nötig weiteres Geld zu bezahlen.

Der Samariter hilft dem Verletzten, weil sein Herz angerührt ist. Er sieht die Not. Er spürt, dass das jetzt dran ist. Dass er dran ist. Er hilft, so wie es ihm möglich ist. Er ist barmherzig. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, ob er dafür etwas zurückbekommt. Ihm steht rein gar nichts in Aussicht – keine Kostenerstattung, Belohnung, Anerkennung, womöglich nicht mal ein Dank. Barmherzigkeit rechnet nicht mit Dank.

Ich gebe und bekomme nichts zurück. Wirklich nichts?

Jesus sagt, wenn ihr barmherzig seid, so werdet ihr reichlich empfangen. Unser Tun fällt auch wieder auf uns zurück. Nicht immer. Nicht eins zu eins. Aber es kommt an anderer Stelle auch wieder zurück - reichlich. Durch Barmherzigkeit verändern wir nicht nur die Welt. Durch das barmherzige Tun verändert sich etwas in uns selbst. Jesus sagt an verschiedenen Stellen: „Tut dieses, und ihr werdet leben!“ Und damit ist nicht nur die Ewigkeit gemeint, sondern auch unser Leben jetzt und hier.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Was Barmherzigkeit heißt, erkennen wir an Gott, den wir „Vater“ nennen dürfen. Wir Christen leben von der Glaubenserfahrung, dass allein Gottes Barmherzigkeit unser Leben trägt und erhält. Gott hält und trägt und vergibt über alles Maß. Das wird deutlich an Jesus Christus, der die Liebe Gottes verkörpert.

Unser Leben wäre sehr schwer, wenn wir ohne Barmherzigkeit leben müssten. Unser Leben ist lieblos, wenn die Leitbilder von Leistung und Effektivität, von Wirtschaftsdenken und Ausweitung von Handelsbeziehungen das Maß aller Dinge sind (und wir stehen in der Gefahr, das so zu sehen.) Wir gehen an einem Leben in Fülle vorbei, wenn wir ohne Liebe und Barmherzigkeit leben.

Werdet barmherzig: Denn wir sind noch auf dem Weg zur Barmherzigkeit. Vollkommen in seiner Barmherzigkeit ist nur Gott. Er wendet sich uns Menschen zu. Er vergibt. Er schenkt Neuanfänge. Er weiß, dass wir auch scheitern können. Dennoch sollen wir weitergeben, was wir empfangen und wir dürfen gewiss sein, dass wir immer wieder neu empfangen werden. 

Die Künstlerin Angelika Litzkendorf stellt dieses Empfangen und Weitergeben in ihrem Aquarell anschaulich dar. Die Barmherzigkeit geht wie Wasser vom Kreuz aus und fließt von Schale zu Schale, von Mensch zu Mensch weiter. Es ist ein nie versiegender Strom. Der wie ein Wasserfall vom Kreuz ausgeht. Wir können uns Gott hinhalten mit unseren Sorgen und Nöten, Fehlern und Schwächen und er nimmt uns an. Er empfängt uns mit offenen Armen. Wie die leeren Schalen auf dem Aquarell füllt er unsere Leere, unseren Mangel mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Er spült weg, was da nicht hingehört. In uns wird es rein und licht, bis wir überfließen und das Empfangene weitergeben. Ströme lebendigen Wassers werden von uns fließen, wenn wir aus seiner Quelle trinken.

Wir brauchen also nicht mehr weiterzugeben, als wir empfangen. Aber wir sollen uns Gott hinhalten, und seine Gegenwart suchen, damit er uns füllt und wir überfließen von seiner Liebe. So segne uns Gott auch im Jahr 2021.
Amen.

Sei gesegnet, sodass dein Herz zur Liebe drängt.
Sei gesegnet, sodass dein Mund von Gott nicht schweigt. 
Sei gesegnet, sodass deine Hände deinen Nächsten erreichen.

Ein gesegnetes und behütetes Jahr 2021 wünscht Ihnen 
Ihr

Pfarrer Ernst Schmidt