Lesepredigt zum 1. Advent, 29.11.2020                      

Predigttext: Römer 13, 8-12.14
 
Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts… Zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

Liebe Gemeinde,
„ich möchte einfach nur geliebt werden“, sagt die Frau in einem Gespräch und Tränen schießen ihr dabei in die Augen.
„Ich möchte einfach nur geliebt werden.“ Das ist das, wonach wir Menschen uns sehnen. „Geliebt werden“ hat mit angenommen sein und verstanden werden zu tun. Als geliebter Mensch darf man so sein, wie man ist. Man wird respektiert und gerecht behandelt. Man wird liebevoll wahrgenommen, Wert geachtet. Bedingungslos. „Ich möchte einfach nur geliebt werden“, sagt die Frau und wir stimmen ihr zu. Wir auch!
Gott liebt uns. Er schenkt uns unseren Wert. Er hat uns als seine Kinder angenommen. Er strahlt uns mit seiner Liebe an.  
Wir können dieser Liebe Gottes antworten, indem wir etwas von dieser Liebe abstrahlen und den Nächsten lieben. Im 1. Johannesbrief heißt es: „Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.“
Ja, das wollen wir. Es klingt so einfach. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ 
Wer den anderen liebt, der wird ihn nicht töten oder stehlen oder Dinge begehren, die dem anderen gehören. So etwas passt nicht zur Liebe dazu. Darum wird er die Gebote halten. Und darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. So hatte es Jesus selbst auch gesagt, als er gefragt wurde, was denn das wichtigste Gebot sei. Jesus betonte die Gottesliebe, die in der Liebe zum Nächsten mündet.

Augustinus sagt es so: „Liebe, und tu was du willst.“ So einfach ist es und so schwer. Denn es gibt nicht nur die Menschen, mit denen wir leicht zurechtkommen. Da sind die, die anstrengend sind, die uns zu tragen geben. Bei manchen fällt es schwer, sie zu lieben, obwohl sie von Gott geliebt sind wie wir selbst es auch sind.
Und auch das gilt: Manches, was wir gut meinen, muss für den anderen noch gar nicht gut sein. Liebe bleibt ein Wagnis. 
Aber wir sollen es einfach versuchen in all unserer Fehlerhaftigkeit, weil Gott nahe ist. Und zwar jetzt. Darauf spielt Paulus an, wenn er sagt: „Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf“.  „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag kommt“. „Zieht euch an“. 


Das kennen wir aus unserem Alltag: Der Wecker klingelt. Wir schrecken auf, drücken irgendwie den Wecker aus, tasten nach dem Lichtschalter, machen die ersten unsicheren Schritte, bis sich der Schleier, der auf unseren Augen liegt löst, und wir so langsam zu uns kommen. 
Jetzt ist die Stunde da. Paulus schreibt an Christen, die offenbar im Glauben dahin dösen und gar nicht merken, was die Stunde geschlagen hat. Christen, die nicht richtig wach sind. Die man förmlich schütteln muss, damit sie aufwachen und merken, was Sache ist. 
Wacht auf! Ihr seid gefordert in dieser Welt. Nicht: Ich kann gar nichts ändern, sondern: Gott stellt mich in seinen Dienst damit ich mit meiner kleinen Kraft etwas in meinem Bereich verändere - und damit die ganze Welt. Paulus traut der christlichen Gemeinde etwas zu.
Aber lohnt sich das Aufstehen? Entspricht es nicht eher unserer Grundstimmung: Der Tag ist vorgerückt. Die Nacht kommt immer näher. Ist nicht jeder Tag ein Tag weniger in unserem Leben? Wer kennt nicht diese Stimmung der Melancholie und der Resignation? 
Die Coronapandemie verlangt uns eine Menge ab. Wie viel hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Im Februar hat man die Asiaten, die einen  Mund-Nasenschutz trugen belächelt. Jetzt tragen wir ihn selbst. Begegnung ist so schwierig geworden. Jemand sagte: „Ich wünsche mir endlich wieder etwas Normalität.“ Corona macht uns mürbe.
Wie geht es weiter? Wie können wir in dieser Zeit gut aufeinander achten, den „Nächsten lieben?“
 „Wach auf, Du bist gemeint!“ Der Tag kommt, auch wenn jetzt noch wenig zu sehen ist. Paulus macht sich keine Illusionen über den Lauf der Welt. Aber während andere die Hände sinken und sich fallen lassen, erhebt er sie. 


Er schaut nach vorn. Er ist gespannt, wie's weitergeht. Auf das, was kommt. Manche schütteln über ihn den Kopf, wenn sie ihn so sehen. Von Kopf bis Fuß ist er auf Hoffnung eingestellt, und auf Liebe! Denn er lebt von dem Ereignis, das nicht er herbeigeführt hat, das ihn aber bestimmt: Gottes Kommen in die Welt in der Gestalt des Menschen Jesus von Nazareth. In ihm kommt Gott uns nah.

Jesus lebt uns vor, wie wir leben könnten. Er sieht die Not und macht keinen Bogen um sie. Er hat Gegner und Feinde und bringt es fertig, für sie zu beten. Er sagt, was er denkt, auch wenn es für ihn oder andere unbequem ist. Er hilft zum aufrechten Gang.
Da sind wir deutlich schläfriger oder auch ängstlich. Paulus will uns mitreißen, dass auch wir davon überzeugt werden: Gott kam und ist im Kommen! Deshalb sollen wir uns einstellen auf das Neue und im Licht des Neuen leben- und lieben.

„Zieht an den Herrn Jesus Christus“, sagt er, so wie man einen Mantel anzieht, der schützt und wärmt und bereit macht, um nach draußen zu gehen.
Den „Herrn Jesus Christus anziehen“, heißt doch: Gott umfängt uns und kommt uns so nahe, wie der Mantel, den wir tragen. 
Er wird zu unserem Schutzmantel, Arbeitsmantel und Reisemantel.

1.Lasst Euch von Jesus Christus umfangen, als wenn ihr einen Schutzmantel anhättet.
Wir, die wir getauft sind, laufen nicht schutzlos durchs Leben. Denn Gott sagt uns in der Taufe zu, dass er uns ein gnädiger Gott ist ein Leben lang, der uns liebt und wir zu ihm gehören. Und er segnet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet. Die in der Taufe verheißene Zusage des Segens Gottes durch die Höhen und tiefsten Tiefen des Lebens hindurch ist unser Schutzmantel ein Leben lang. 

2. Zieht an den Herrn Jesus Christus wie einen Arbeitsmantel. Wir Christenmenschen sollen nicht tatenlos im Leben herumstehen, sondern treten an nach dem Gesetz der Liebe, das in den Zehn Geboten festgehalten und konkret wird: nicht Vertrauen zerstören, sondern darauf sehen, wie einer dem andern helfe; nicht töten, sondern Schluss machen mit C-Waffen, Minen, Streubomben und Waffenverkäufen in andere Länder; nicht stehlen also auch nicht den anderen ausbeuten, damit wir preiswerte Waren haben die unter menschenunwürdigen Bedingungen, bezahlt mit Hungerlöhnen produziert wurden. Sondern versuchen gerecht in dieser Welt zu leben und zu teilen, damit möglichst viele ein Auskommen haben. Wir haben einen Auftrag in der Welt. Denn wie wir miteinander umgehen, Christen mit Christen, dieses Lebenszeugnis schulden wir uns untereinander. Die Liebe zu verwirklichen gelingt uns nicht immer. Aber wir sollen es wenigstens versuchen.

3. Der Mantel, der uns umkleidet ist auch ein Reisemantel. Wir sind unterwegs aber nicht ziellos, denn wir leben auf den Himmel hin, der schon hier beginnt. Wir sind unterwegs, aber nicht endlos, denn wir gehen auf den „Tag“ des Herrn zu; durch viel Dunkelheit und manche Rätsel; fallend auch, stolpernd mitunter, aber doch vorwärts. Es beschäftigt uns sehr, wie wir unser Leben hier schaffen und füllen. Doch unsere Lebenszeit hier ist nur ein kleiner Ausschnitt, wenn wir bedenken, dass die Ewigkeit in Gottes Herrlichkeit noch vor uns liegt.

Sich von Gott umfangen zu lassen, wie mit einem Schutzmantel, einem Arbeitsmantel oder einem Reisemantel, das heißt: „den Herrn Jesus Christus anziehen.“

Liebe Gemeinde,
der 1. Advent ist der Beginn des neuen Kirchenjahres. Wir feiern ihn mit einer Kerze am Adventskranz. Diese eine Kerze weist uns hin auf die Morgendämmerung, mit der der neue Tag beginnt. Noch ist vieles dunkel, verschwommen, undeutlich und grau. Aber wir leben im Anbruch des großen Tages. 
Christi Advent endet nicht an Weihnachten. Sein Advent steht ein für die Liebe, die nicht aufhört. 
Advent, das meint: „Morgendämmerung der Liebe“. Wer glaubt, stellt sich darauf ein, dass es „Tag“ wird.
Amen.

Ernst Schmidt