Lesepredigt zum Mitnehmen
4. Sonntag nach Trinitatis 27. Juni 2021

Predigttext: Römer 12, 17-21

Liebe Gemeinde,
irgendwie ist in vielen Beziehungen und Nachbarschaften der Wurm drin. Wo Menschen zusammenleben gibt es Reibungspunkte, Interessenkonflikte, manchmal richtigen Streit. Wir sind einfach alle so verschieden. Jeder und jede hat seine Fehler und Macken. Jeder und jede fühlt und denkt anders. Die Musik, die der eine als wohltuend empfindet ist für den anderen nur lauter Krach. Das gemütliche Grillen stört den anderen mit seinem Qualm. Manche Hausgemeinschaft ist vergiftet, weil das Sauberkeitsverständnis beim Putzen des Hausflurs sehr unterschiedlich ist. Und überhaupt: müssen denn die leeren Getränkekisten, der volle Müllbeutel und die 4 Paar Schuhe vor der Wohnungstür stehen?

Wir versuchen im Frieden miteinander zu leben. Dennoch kann sich aus Kleinigkeiten Schlimmes entwickeln. Wenn sich der Streit dann zuspitzt, so werden Boshaftigkeiten provoziert, nach dem Motto: „Wollen wir doch einmal sehen, wer hier der Stärkere ist.“ Es geht dann um „Recht haben.“ 

Ich freue mich, wenn bei Besuchen von einer guten Hausgemeinschaft gesprochen wird.

Ich freue mich, wenn Familien zusammenhalten und sich gegenseitig tragen. Dass es auch mal kracht, gehört dazu; dass man dann auch wieder zusammenfindet ist wichtig.

Wir brauchen die Gemeinschaft mit anderen. Das gilt für Familien, für Freundschaften, für Nachbarschaften, für Nationen. So gilt es das rechte Maß zu finden, dass man in Frieden miteinander leben kann. 

Vom christlichen Leben, vom Gottesdienst im Alltag der Welt spricht der Paulus im Römerbrief (Römer 12, 17-21): „Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden –soweit das möglich ist und es an euch liegt. Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja: „Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben‹, spricht der Herr.“ Im Gegenteil: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, häufst du glühende Kohlen auf seinen Kopf.“ Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“

Die Botschaft ist klar. Doch es schwer, diese auch umzusetzen.

Menschen die Böses oder Unrecht erfuhren fordern zumindest Gerechtigkeit, wenn nicht sogar Vergeltung. Viele Sprichworte wie: „Was Recht ist, muss doch Recht bleiben“, „man kann sich doch nicht alles gefallen lassen“, „auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“, „Strafe muss sein“, „Wer nicht hören will, muss fühlen“ bestimmen unser Leben. Und zu Recht! Es kann doch nicht sein, dass man das Böse gewähren lässt. Man muss sich dem Unrecht in den Weg stellen. 

Paulus wusste wie schwer das christliche Leben in seiner Zeit war. Seine Hausgemeinden in Rom lebten bedrängt unter der großen römischen Macht. Noch gab es nicht die großen Verfolgungen. Sie setzten erst einige Jahre später ein. Aber es gab durchaus Bedrängnisse. Christ-Sein in einer feindlichen Glaubensumgebung war kräftezehrend und schränkte das Leben ein.

Paulus setzte durchaus die Existenz des Bösen und die Konfrontation mit Feinden voraus. Auch das menschliche Bedürfnis nach Vergeltung, wenn man Leid erfährt, wurde von ihm weder in Frage gestellt noch verurteilt. 

Er sagte nicht: Du hast gar keine Feinde. Vielmehr: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.“ 
Es steht nicht da: „Ihr müsst es schaffen, in Frieden mit allen zu leben“. Vielmehr realistisch: „Lebt mit allen Menschen in Frieden –soweit das möglich ist und es an euch liegt“.

Es heißt nicht: „Ihr dürft keine Rache ersehnen.“ Vielmehr: „Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.“ Die Bibel trennt nicht zwischen dem, was der Kopf für christlich hält und dem, was das Herz oder der Bauch als gerecht empfindet. Sie lässt hier Zorn über das Unrecht und die Rachewünsche zu. Vor Gott muss man sie nicht verschweigen. Das ist befreiend, wenn das, was im Herzen ist, auf diese Weise erst einmal heraus darf und Raum bekommt. Wir dürfen unsere Wut vor Gott bringen. Wir dürfen die ganze Aggression herauslassen - und sollen es dann Gott überlassen. „Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.“ Der Andere steht vor Gott genauso wie du selbst. Er hat sich vor Gott zu verantworten, genauso wie du. Überlass deine Rachegedanken, deine Wut deinen Zorn Gott. Er wird es recht machen, zu Recht bringen. Er geht mit der Rache aber möglicherweise auch anders um als so, dass er sie an unserer Stelle in unserem Sinn vollzieht.

Das menschliche Miteinander, der Ruf zum Frieden wird in einen größeren Rahmen gestellt, nämlich vor Gott. Damit ändert sich die Perspektive. Vielleicht - vielleicht kann ich dann in dem Menschen, den ich als Feind erlebe, auch den Menschen sehen, der Gottes Kind ist, genauso wie ich. 

Das Böse mit Gutem besiegen heißt nicht: Das Böse ertragen, erdulden, hinnehmen. Wenn man jemanden besiegen will, dann hat das auch mit Stärke, Standfestigkeit zu tun.

Der Weg dem Bösen zu begegnen, kann sehr verschieden aussehen: In einem Fall kann es sein, dass man den Mut aufbringt und das Konfrontationsgespräch sucht mit dem, der einem Böses angetan hat. Vielleicht ist dann sogar Versöhnung möglich.

In einem anderen Fall kann es sein, dass man das Böse überwindet, indem man den anderen auch in seiner Angst machenden und darum Hassgefühle erzeugenden Andersartigkeit zu verstehen sucht. Warum ist der so? Warum ist der so geworden? Welche Verhaltensmuster laufen hier ab?

Es kann auch sein, dass man sich dem Bösen in den Weg stellen muss, weil das eigene Leben und die Seele oder das Leben anderer in Gefahr ist. Entscheidend ist, dass die Spirale der Vergeltung unterbrochen wird.

„Wenn du das tust, häufst du glühende Kohlen auf seinen Kopf“, sagt der Text. Dieses Wort bezieht sich auf einen ägyptischen Sühneritus. Wer ein Becken mit glühenden Kohlen auf dem Kopf trug zeigt damit, dass er bereut. Er ist bereit, umzukehren. Es geht also darum, den „Feind“ zu verändern. Wer ihm zu essen und zu trinken gibt, der durchbricht Feindbilder. In einer modernen Bibelübersetzung heißt es an dieser Stelle: „Wenn Du ihm zu essen und zu trinken gibst, wirst du ihn damit beschämen.“

Es kann sich das Verhältnis der Menschen zueinander wieder zum Guten verändern. Eine verfahrene Situation muss nicht so bleiben, wie sie ist. Es bleibt ein kleines Wunder, ein Geschenk Gottes, wenn der Andere auf unsere Geste eingeht, wenn Frieden entsteht. Denn das ist nicht selbstverständlich. Aber möglich ist es.

„Lebt mit allen Menschen in Frieden –soweit das möglich ist und es an euch liegt.“

Frieden ist möglich, wenn wir uns dafür einsetzen und darauf hoffen, dass Gott ihn entstehen lässt.

Ob wir es schaffen, unsere Familie, unsere Verwandten, unsere Nachbarn, den anderen mit neuen Augen zu sehen?

Möge Gott uns dazu helfen. Amen.