Lesepredigt zum Mitnehmen
7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2020

Predigt: 2. Mose 16, 2.3.11-18

Liebe Gemeinde,
 „Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, dann wäre ich geblieben, wo ich war.” Wer kennt das nicht, dass Erwartungen enttäuscht werden. 
Man hat den Arbeitsplatz gewechselt und stellt nun fest, dass die Kollegen schwierig sind und der Chef zu viel fordert.
„Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, dann wäre ich geblieben, wo ich war.”
Der Umzug in die größere neue Wohnung ist geschafft. Nun stellt man leider fest, dass sie furchtbar hellhörig und fußkalt ist.
„Wenn ich das gewusst hätte, was mich hier erwartet, dann wäre ich geblieben, wo ich war.“ 
Jede Lebensveränderung, jede Entscheidung ist ein kleines oder großes Wagnis. Egal ob es sich um den Urlaub, einen Haus- oder Autokauf oder den Wohnungswechsel handelt. Jede Lebensveränderung ist ein Wagnis: der Schulwechsel, das Studium oder die Heirat. Neben vielen Hoffnungen und großen Chancen enthält die Entscheidung auch das Risiko, dass es eben nicht besser wird. Und dann sehnt man sich zurück. So muss es dem Volk Israel auch ergangen sein, damals vor gut 3000 Jahren.
Die Israeliten arbeiteten als Fronarbeiter in Ägypten. Sie litten unter der Knechtschaft der Ägypter. Sie wurden bedrückt.
Sie wollten Ägypten verlassen, aber der Pharao, der König von Ägypten ließ sie nicht ziehen. Die Bibel erzählt, wie Gott sein Volk befreit und durch Mose aus Ägypten führte.
Nun ist das Volk in der Wüste. Die Wüste ist in der Bibel immer ein Ort, wo sich etwas im Leben verändern kann. Jesus wurde vor Beginn seines Wirkens in die Wüste geführt und wurde sich dort klar darüber, wie sein Weg sein sollte.
Wenn wir an „Wüstenzeiten” in unseren Leben denken, dann sind das Umbruchszeiten, Krisenzeiten, schwere Zeiten, aber auch Zeiten, in denen etwas neu entstehen kann.


Wir gehen im Moment durch eine „Wüstenzeit“. Die Coronapandemie, in der wir uns befinden wirft uns darauf zurück, unser Leben und unsere Art zu leben zu überdenken. 
Wir schauen noch einmal genau, was eigentlich wirklich wichtig im Leben ist. Möglicherweise ändert das unsere Art zu leben und zu konsumieren.


Das Volk Israel befindet sich in der Wüste. Die Vorräte, die sie in Ägypten eingepackt haben, sind aufgebraucht. Hier in der Wüste können sie nicht satt werden. Wie geht es weiter?  
„Wenn wir gewusst hätten, was uns hier erwartet, dann wären wir nicht gekommen, sondern geblieben, wo wir waren.” 
Wörtlich sagen sie: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr - Mose und Aron - habt uns dazu heraus geführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.”
Wenn die Zukunft in Dunkelheit liegt, dann erscheint die Vergangenheit vergoldet. In der Rückschau füllen sich die Töpfe mit herrlichen Fleischstücken, auch wenn sie vielleicht nur mit Lauch und Zwiebeln und Bohnen gefüllt waren. In der Rückschau wird das Schwere weggeblendet. 
Es ist gut, dass wir Menschen nicht immer an den schweren Erinnerungen hängen bleiben. Aber es stimmt einfach nicht, dass früher alles viel besser war als heute. Manche dünne Brühe, die in der Vergangenheit gelöffelt und in die hart gewordenes Brot getunkt wurde, wird in der Rückschau zur kräftigen Bouillon.
War es wirklich so schön in Ägypten? Als geknechteter Fronarbeiter bestimmt nicht. Es erscheint dem Volk alles nur so rosig, weil sie Sorge haben, hier in der Wüste unterzugehen und zu sterben.
Anstatt sich nun an Gott zu wenden und ihn um Hilfe zu bitten, kritisieren die Israeliten nun Mose und Aron: Ihr habt uns dazu heraus geführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. Es geht gar nicht mehr um das Vertrauen auf Gott. Vergessen ist seine wunderbare Führung durch das Schilfmeer. 
Sie vergessen ihn.
Zu ihm hätten sie doch kommen können mit ihren Klagen, mit ihrer Angst vor dem Hungertod, mit ihrer Wut darüber, dass sie nun in dieser unwirtlichen Gegend sind.  So wie wir das ja auch dürfen. Wir dürfen zu Gott kommen, mit all dem, was uns auf dem Herzen liegt, nicht nur mit Lob und Dank, sondern durchaus mit unserer Klage, unserer Sorge, unserer Wut.


Nun erzählt die Bibel Entscheidendes: Obwohl das Volk nicht sein Vertrauen auf Gott setzt, hört Gott das Murren des Volkes, weiß er um die Sorge des Volkes und gibt. Er gibt so viel, wie sie zum Leben brauchen. 
Er gibt ihnen abends Wachteln und morgens Manna. Die Forschung hat festgestellt, dass sich Vogelschwärme verfliegen können und dann, um wieder Kraft zu sammeln, sich in der Wüste niedersetzen. Während dieser Rast können sie relativ leicht gefangen werden.
Auch das Manna ist etwas, was in Wüstengegenden vorkommt. Es handelt sich um das Harz des Mannabaumes, das von den Blättern auf den Boden hinabfällt, von wo man es, wenn es in der Nachtkühle verhältnismäßig hart geworden ist, aufsammeln kann. Es schmeckt sehr süß. Das Wort „Manna“ soll entstanden sein, weil die Israeliten, als sie das Manna sahen fragten „Man hu?“ was so viel heißt wie „Was ist das?”


Gott gibt den Israeliten das, was sie brauchen, abends und morgens: „Ein jeder sammle so viel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelt. Und die Israeliten taten´s und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man´s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte.“ Es ist jeden Tag neu genug für alle da. 
Die, die sich heimlich bevorraten wollen und mehr sammelten, als sie an einem Tag essen konnten, konnten mit dem Manna nichts anfangen konnten, weil es schnell verdarb und ungenießbar wurde. 
Gott gibt dem Volk so viel, wie es zum Leben braucht. Jeder von ihnen bekommt die Nahrung für den einen Tag. Was für eine Führung Gottes sich da auftut! 
Bis heute. 
Viele Menschen unter uns haben das erleben dürfen, wie Gott in ihrem Leben das gegeben hat, was sie an diesem einen Tag brauchten. Manchmal war es tatsächlich das tägliche Brot, das auf dem Tisch zu finden war. 


Manchmal war es Hilfe durch einen anderen, wenn man selbst nicht mehr weiter wusste.
Manchmal war es die nötige Kraft, die einem geschenkt wurde, um den Tag zu schaffen, oder auch die Nacht. 
Manchmal war es die Klarheit, sich nun doch anders zu entscheiden.


Das Großartige, was diese Geschichte erzählt ist, dass Gott gibt.
Wie oft kreisen die Gedanken und die Sorge lässt keinen Schlaf finden. Sei es, dass wir fragen wie es weiter geht jetzt in dieser Coronazeit. Sei es, dass wir uns um unsere Kinder oder den Ehepartner sorgen. Die Sorge kann größer und größer werden und uns lähmen. Aber Gott kann uns helfen, wieder in Bewegung zu kommen. 


Tageweise gibt Gott unser Leben, maßvoll wie die Gaben am Abend und am Morgen. Einem jeden gibt er seinen Tag, sein Maß. Mach dir keine Sorge über das Maß hinaus, sagt Jesus später im neuen Testament: Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. 
Die Ungewissheit und die Sorge bleiben, aber sie sollen nicht so überhand nehmen, dass daraus nichts mehr entstehen kann.
Die göttliche Begleitung weist den Sorgen und Überlebens-ängsten ihren Platz zu.
Gott schenkt den Raum, Umbruchszeiten und Krisenzeiten durchzustehen.
Andreas Gryphius sagte es einmal so: Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen; der Augenblick ist mein, und nehm´ ich den in acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.
Mögen wir das gerade jetzt in unserem Leben erfahren. Amen.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Ernst Schmidt