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19. Juli 2020
Eine Glaubensgeschichte

Predigttext: Römerbrief 10,9-16
Sie setzte sich wie jeden Abend an das Bett ihrer Tochter. Diese gähnte herzhaft. „Nun wollen wir noch beten, Lilly.“ Das kleine Mädchen faltete die Hände und begann zu sprechen: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu, …“ Nach dem Gebet beugte sie sich über ihre Tochter, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. „Mama?“ „Ja, mein Schatz.“ „Warum glaubst du?“ Die dunklen Augen der Tochter schauten interessiert. Sie nickte und überlegte ein bisschen. „Keine so einfache Frage. Ich glaube, weil meine Mutter früher auch mit mir gebetet hat und die Kin-derbibel mit mir gelesen hat. Und so ist der Glauben dann langsam gewachsen. Und irgendwann in meinem Leben habe ich festgestellt, dass der Glauben an Gott mir hilft.“ „Hmm“, hörte sie ihre Tochter nur mur-meln. Und als sie in das Gesicht ihres Kindes schaute, sah sie, dass diese ihre Augen bereits geschlossen hatte. Sie knipste die Nachttischlampe aus zu und schlich leise aus dem Zimmer. 


Auf dem Flur angekommen drehte sie sich nach links zu der Tür, hinter der ihr Sohn schon in seinem Bett saß. „So, hast du schon Zähne geputzt?“ „Ja, schon längst“, gab ihr Erstgeborener lässig zurück. „Gut, dann können wir ja jetzt beten.“ „Muss das sein, Mama?“ Ihr Sohn verdrehte leicht die Augen. „Ich weiß gar nicht, ob ich daran glaube, ich meine an Gott und so.“ „Vielleicht sollten wir da morgen mal in Ruhe drüber reden und nicht heute Abend, wenn wir beide müde sind.“ Er nickte. „Okay, machen wir. Gute Nacht, Mami, ich hab‘ dich lieb.“ „Ich dich auch, Alex.“


Langsam ging sie die Treppe hinunter. Zwei Kinder, so unterschiedlich. Lilly bedeutete der Glaube Halt, ihr war das gemeinsame Beten wichtig. Alex dagegen hatte kein großes Interesse an Gott und Glauben. Und doch hatten Sie und ihr Mann beide Kinder gleich erzogen, den beiden aus der Kinderbibel vorgelesen, abends mit ihnen gebetet, mit ihnen Krabbelgottesdienste besucht, sie zu Gottesdiensten und Festen in der Ortsgemeinde mitgenommen. Und doch mit unterschiedlichem Ergebnis.


Sie überlegte, wie ihr Glaube entstanden war – und konnte sich nicht daran erinnern, dass sie irgendwann ohne Glauben gewesen ist. Sie war wie so viele als Baby getauft worden, davon zeugten Bilder in ihrem Fotoalbum. Und ihre Mutter hatte immer dafür gesorgt, dass sie in den Kindergottesdienst ging und dort schon früh die Geschichten aus der Bibel erzählt bekam.


Erst im Jugendalter, kurz nach der Konfirmation, waren ihr Zweifel an ihrem Glauben und ihrem Gottesbild gekommen. Warum ließ Gott Leid zu? Warum mussten Kinder sterben? Warum war die Welz so ungerecht? Und doch stellten diese Fragen ihren Glauben nicht infrage, sondern mit der Zeit veränderte sich ihr Gottesbild und ihr Glauben. Dazu trugen Begegnungen mit Menschen bei: der Lateinlehrer, der in seinem Glauben und in sich ruhte und seine Schüler*innen nicht nur in Latein, sondern auch in Herzensbildung unterrichtete. Ihre Freundin im Studium, die alles, gerade gesellschaftliche Themen wie das Verhältnis von Frau und Mann und das Thema Rassismus, so anders dachte und anging. Das alles und noch viel mehr hatte sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute war, mit ihrem Glauben, der sie immer noch trug, auch durch Schicksalsschläge und Zeiten des Zweifels.


Wie anders war ihr Lebensweg als der der ersten Christinnen und Christen. Die Apostel zogen von Stadt zu Stadt und erzählten den Menschen von Jesus, seinen Worten und Taten, seiner Auferstehung. Sie erzählten vom Reich Gottes, das schon angebrochen war, aber erst vollendet wür-de, wenn Jesus Christus wiederkam. Viele hörten ihnen zu, einige Er-wachsene kamen zum Glauben und ließen sich taufen. 
Sie dachte noch mal an den Predigttext des letzten Gottesdienstes aus dem Römerbrief. Da ging es darum, wie Glauben entstehen und verbreitet werden kann. Sie holte ihre Bibel aus dem Schrank und las noch einmal (Röm 10,9-17):

„Wenn ihr also mit dem Mund bekennt: »Jesus ist der Herr«, und im Herzen glaubt, dass Gott ihn vom Tod auferweckt hat, werdet ihr gerettet. Wer mit dem Herzen glaubt, wird von Gott als gerecht anerkannt; und wer mit dem Mund bekennt, wird im letzten Gericht gerettet. So steht es ja in den Heiligen Schriften: »Wer ihm glaubt und auf ihn vertraut, wird nicht zugrunde gehen.« Das gilt ohne Unterschied für Juden und Nichtjuden. Sie alle haben ein und denselben Herrn: Jesus Christus. Aus seinem Reichtum schenkt er allen, die sich zu ihm als ihrem Herrn bekennen, ewiges Leben. Es heißt ja auch: »Alle, die sich zum Herrn bekennen und seinen Namen anrufen, werden gerettet.« Sie können sich aber nur zu ihm bekennen, wenn sie vorher zum Glauben gekommen sind. Und sie können nur zum Glauben kommen, wenn sie die Botschaft gehört haben. Die Botschaft aber können sie nur hören, wenn sie ihnen verkündet worden ist.  Und sie kann ihnen nur verkündet werden, wenn Boten mit der Botschaft ausgesandt worden sind. Aber genau das ist geschehen! Es ist eingetroffen, was vorausgesagt war: »Welche Freude ist es, wenn die Boten kommen und die Gute Nachricht bringen!« Doch nicht alle sind dem Ruf der Guten Nachricht gefolgt. Schon der Prophet Jesaja sagt: »Herr, wer hat schon unserer Botschaft Glauben geschenkt?« Der Glaube kommt also aus dem Hören der Botschaft; die Botschaft aber gründet in dem Auftrag, den Christus gegeben hat.“

Das Bekennen, so überlegte sie, war durchaus eine schwierige Sache. Neulich hatten ihre Kolleginnen und Kollegen in der Teeküche bei der Kaffeepause über den Tod geredet. Erst vor kurzem war eine junge Kollegin an Brustkrebs verstorben, alle waren noch immer traurig und bestürzt. In der Traueransprache hatte die Pfarrerin auf die christliche Hoffnung Bezug genommen, dass Jesus Christus den Tod überwunden hat und wir auf ein ewiges Leben bei Gott vertrauen können. Einige Kollegen empfanden diese Worte als Hinwegtrösten. Ein älterer Kollege sagte: „Diesen ständigen Bezug auf die Ewigkeit, der nervt mich bei der Kirche. Das Leben findet doch jetzt statt, und nicht erst nach dem Tod.“ Eine Kollegin nickt und fügt hinzu: „Und warum unsere Kollegin sterben musste, konnte die Pfarrerin auch nicht erklären.“ Einige nickten. Sie hatte geschwiegen. Zum einen, weil sie auch nicht auf alle Fragen eine Antwort hatte. Und zum anderen wollte sie sich nicht für ihren Glauben rechtfertigen müssen. Nach dem Gespräch hatte sie sich schlecht gefühlt. Das Bekennen der guten Botschaft war bei ihr also durchaus noch ausbaufähig.


Aber die innere Überzeugung, die hatte sie. Die Überzeugung, dass Gott sie begleitete, dass er auch in Schwerem an ihrer Seite war. Das Vertrauen, dass Gott eines Tages die Welt gerecht und friedlich gestalten würde, aber schon hier und jetzt damit anfing. Dieses Vertrauen in Gott hatte ihr geholfen, als in ihrer Schwangerschaft Komplikationen aufgetreten waren und sie sich drei Wochen absolut schonen musste, um sich und das Kind nicht zu gefährden. Ja, sie hatte Angst gehabt. Ja, es war eine schlimme Zeit gewesen. Ja, sie hatte Zweifel gehabt. Aber in der Rückschau konnte sie erkennen, dass Gott sie und das Kind in ihr geschützt hatte. Andere würden sagen: Glück gehabt! Sie sagte voller Überzeugung und aus tiefstem Herzen: Gott sei Dank!


Wieder dachte sie an ihre beiden Kinder oben in ihren Zimmern. Wie unterschiedlich die beiden waren, auch in ihrem Glauben oder Nicht-Glauben. Aber vielleicht war es auch einfach eine unterschiedliche Herangehensweise: während ihre Tochter sich noch den Kinderglauben bewahrt hatte, stellte ihr etwas älterer Sohn gerade alles und auch Gott in Frage. Erst in einigen Jahren, vielleicht auch erst, wenn er anfing, seinen Weg getrennt von den Eltern zu gehen, würde man sehen, welche Antworten er auf die Fragen des Lebens gefunden hatte. 


Sie lächelte in sich hinein. Dafür war er ein hilfsbereiter und couragierter Jugendlicher, der sich für Gerechtigkeit und gegen Ausgrenzung in seiner Klasse einsetzte. Obwohl viele Jungs einen Klassenkameraden schnitten, zum Teil sogar mobbten, spielte und traf sich ihr Sohn weiterhin mit ihm und hielt die blöden Kommentare seiner Klassenkamerad*inn*en aus. Das war ja auch eine Art Verkündigung: Jesus hatte sich auch auf die Seite der Benachteiligten gestellt. 


Sie überlegte, wie viele Menschen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis wirklich an Gott glaubten. Vielleicht ein Drittel? Sie war unsicher, denn über Glauben sprach man ja nicht so oft. Viele von ihnen hatten ihre Kinder taufen lassen, die meisten von ihnen gingen zur Konfirmation. Doch wie tief der Glaube reichte, ob er nur ein oberflächliches Lippenbekenntnis oder ein tragendes Vertrauen war, das vermochte sie nicht zu sagen. Und man kann ja selber nicht Glauben machen: Gott wirkt ihn. Durch das Hören der Botschaft. Und diese gute Botschaft wurde und wird ja immer noch und immer wieder durch Worte und durch Taten verkündet. Und nicht nur in den Kirchen und in der Predigt, sondern überall. Durch ein freundliches Wort, einen aufmunternden Blick, eine kleine Spende. Ja, Verkündigung kann vielfältig sein und Unterschiedliches in den Menschen bewirken, dachte sie und klappte die Bibel zu. Amen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe