Lesepredigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis 

Jubiläumskonfirmation am 25. Oktober 2020


Predigttext: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." 
2. Timotheus 1, 7

Liebe Jubelkonfirmandinnen, liebe Jubelkonfirmanden,

liebe Gemeinde,
heute kommen hier Jubiläumskonfirmanden zusammen, die in besonderer aber auch verschiedener Weise geprägt sind. Da sind die, die vor rund 50 Jahren konfirmiert wurden. Sie wuchsen in der Zeit der 68er Generation auf, mit all den Veränderungen, die diese Zeit in der Gesellschaft gebracht hat. Ein Diamantkonfirmand wurde1960 konfirmiert- kurz nach dem Krieg geboren in der noch schlechten Zeit.


Und dann sind da die Gnadenkonfirmanden, 1936 geboren. Sie haben als Kinder den Krieg miterlebt, die Schrecken, die damit verbunden waren. Sie haben den Bombenkrieg und manch einer die Vertreibung aus der Heimat miterlebt. In den Familien fehlten Angehörige oder gar der Vater (gestorben, gefallen, verschleppt, vermisst). Das ist die Generation der Kriegskinder.


Sie alle wuchsen in deutlich verschiedenen Zeiten auf. Uns verbindet die Dankbarkeit, dass wir in Deutschland nun schon so lange in Frieden leben können. 
Sie haben erlebt, wie unser Land sich zu einer führenden Nation in Europa entwickelte. Man spricht rückblickend vom deutschen Wirtschaftswunder. Dazu haben Ihre Eltern und auch Sie selbst erheblich beigetragen.


Wenn ich an die Goldkonfirmanden denke:  wie viel genügsamer lebte man. Die Geschenke zur Konfirmation hielten sich im Rahmen. Es gab Pralinen, Geschirr für die Aussteuer, Azaleen, die erste Armbanduhr und manchmal auch schon Geld. Gefeiert wurde meist nicht im Restaurant, sondern zu Hause. Man räumte das Wohnzimmer aus und baute einen langen Tisch auf, an dem viele sitzen konnten. Am Tag der Konfirmation feierte man mit den Verwandten. Am nächsten Tag lud man die Nachbarn ein. Kärglicher ging es noch 1950 oder 1960 zu. 


Was war los im Jahr 1970? Bundeskanzler Willy Brand setzte ein großes Zeichen der Versöhnung durch seinen Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Die RAF bildete sich, als Andreas Baader aus dem Gefängnis befreit wurde. Das Benzin kostete 57 Pfennig und Brasilien wurde Fußballweltmeister in Mexico. Es gab praktisch Vollbeschäftigung. Die Mehrwertsteuer lag bei 11%. Thor Heyerdahl überquerte den Atlantik in einem Papyrusboot. Man durfte mit 18 wählen. Die Beatles trennten sich. Roy Black und Anita sangen das Lied: „Schön ist es auf der Welt zu sein.“


Nach der Konfirmation begann der Ernst des Lebens. Damals endete das letzte Schuljahr in der Volksschule in der Osterzeit. Dann ging es für die meisten mit der Lehre weiter. Manch einer von Ihnen blieb auch nach der Konfirmation der Kirchengemeinde verbunden. 


Die Pfarrer, die den Konfirmandenunterreicht erteilten, waren strenger und man musste viel auswendig lernen. Einige erlebten aber auch schon Ende der 60er Jahre, wie sich der Konfirmandenunterricht wandelte.


Die Diamant- und Gnadenkonfirmanden erinnern sich vielleicht noch an Pfarrer Johannes Pabst oder Gustav Adolf Vetter; die anderen an Helmut Uteg, Fritz Wirtz oder an Rainer Wiefelspütz, der 1970 seinen Dienst in der Gemeinde begann.
Man musste jeden Sonntag zur Kirche gehen. Sie empfanden das nicht als lästige Pflicht. Man traf sich und konnte sich verabreden.
Heute sind sie hier und feiern Ihr Wiedersehen. Wir danken Gott für seine Begleitung. 


Im 1. Timotheusbrief heißt es:  "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." Wörtlich übersetzt steht da: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist des Verzagens.“ Verzagen heißt, den Mut verlieren, keine Kraft mehr in sich spüren, in Depression verfallen, nichts mehr hören und nichts mehr sehen wollen. 

Gott hat uns in unserem Leben begleitet und uns gestärkt.
Wie oft hat Gott uns Menschen zur Seite gestellt, die geholfen haben. Menschen, die „da“ waren, wenn man sie brauchte. Wie oft hat er Ihnen Kraft gegeben, um über sich selbst hinaus zu wachsen. Wie oft schenkte der Kraft, damit man durch Schweres hindurch kam; Kraft, um eine Krankheit zu überstehen; Kraft, um den Tod eines Angehörigen oder eines Freundes überhaupt auszuhalten; Kraft, um aus einer Sackgasse des Lebens wieder herauszukommen. Manchmal hat Gott Ihnen ein Wort in Erinnerung gerufen, das Sie vielleicht einmal im Konfirmandenunterricht gelernt haben, oder das Ihnen bei der Konfirmation vom Pfarrer zugesprochen wurde. Damals war Ihnen dieses Wort möglicherweise überhaupt nicht wichtig. In der Krisenzeit jedoch fiel es Ihnen wieder ein und stärkte Sie. Worte wie: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von Dir weichen.“ Oder: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich schon wandere im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.“ Es waren Worte, die in dem Moment wirkten, als sie not-wendig waren.

Vieles in unserem Leben hat Gott wieder zu Recht gebracht, wo wir am liebsten die Brocken hingeworfen hätten. Wenn man das so bedenkt, dann kann man Gott loben und danken.

"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."
Im Moment belastet uns die Coronapandemie sehr. Wer hätte vor einem dreiviertel Jahr gedacht, dass wir hier Gottesdienste ohne Gesang und mit Mund-Nasenbedeckung feiern würden. Vieles an selbstverständlichem Miteinander ist in diesem Jahr nicht möglich. Die Einschränkungen sind groß. Der Gedanke, dass wir uns noch lange mit diesem Virus beschäftigen und leben müssen lässt einen schon verzagen. Andererseits erleben wir auch, wie Menschen zusammenrücken und aufeinander achtgeben. Diese Zeit ist auch eine Zeit, wo wir genauer schauen, was uns eigentlich im Leben wichtig ist und was uns trägt und hält im Leben.

Wir brauchen Kraft, Lebenskraft und Mut und die Liebe zum Leben. Denn wir leben in einer Welt, die kompliziert ist und die immer mit neuen Anforderungen, Problemen und Gefahren aufwartet Die Zeit des Kalten Krieges ist vorbei, aber wir erleben, dass es an vielen Orten auf der Erde Kriege, schreiende Ungerechtigkeit, Verfolgung und Armut gibt. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa hineindrängen stellen uns auch in den kommenden Jahren vor eine große Aufgabe.

Auch das Miteinander der verschiedenen Staaten und der Menschen innerhalb eines Landes verändert sich. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich der Umgangston verschlechtert hat. Da braucht es Kraft und Liebe und Besonnenheit, um Wege des Miteinanders zu gehen. Da braucht es Geist Gottes, um nicht zu Verzagen, sondern getrost die Zukunft zu gestalten.

"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."
Das gilt auch uns heute. Mit 64, 65, 66 Jahren fühlt man sich noch jung. Aber man spürt doch, dass man nicht mehr siebzehn ist, auch nicht mehr vierzig oder fünfzig. Das merken die Älteren, die 74, 80 oder 84 Jahre alt sind. Der Körper, der einem einmal ein guter Freund war, braucht mehr Pflege und Aufmerksamkeit. Bei manchen wird er mehr und mehr auch zur Last. Wir sollen uns deshalb nicht grämen, nicht hadern und auch dem Vergangenen nicht nachtrauern, sondern dankbar zurückschauen für so viel Leben, das wir leben durften. Wir erinnern uns wie Gott in unserem Leben gewirkt hat und kommen darüber – hoffentlich - auch zum Dank. 

So kann die Jubelkonfirmation auch für den einen oder anderen von ihnen zu einer Möglichkeit werden, sich wieder auf Gott einzulassen. Das einzige, was Sie tun müssen ist, dieses Wagnis des Glaubens einzugehen und zu sagen: Hier stehe ich, Gott, so wie ich bin. Nimm mich an! Und schenke mir Deinen Geist für das nächste Stück meines Lebensweges.

"Gott hat uns nicht gegeben den Geist des Verzagens. Er hat uns gegeben den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ 
So lasst uns unseren Lebensweg weitergehen im Vertrauen auf Gott und dankbar für sein Mit Sein. Amen.

Ernst Schmidt