Lesepredigt zum Mitnehmen

Sonntag Exaudi (lat.: Höre!), 24. Mai 2020

Wochenspruch: Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.! (Joh 12,32)

Wochenlied: O komm, du Geist der Wahrheit (eg 136)


Predigttext: Der neue Bund (Jeremia 31,31-34)
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde,
NEU ist ein wichtiges Stichwort unseres Textes. Gott will einen neuen Bund mit seinem Volk schließen. Etwas Neues ist ja immer eine gute Idee, sagen die einen, die etwas verändern wollen.

Aber NEU ist auch ungewohnt, das erfahren wir seit einigen Monaten durch die Veränderungen, die durch die Verbreitung des Corona-Virus nötig wurden. NEU ist nämlich auch anstrengend und unbequem, wenn plötzlich der Arbeitsplatz in die heimische Wohnung verlegt wird, die Kinder nicht mehr in Schule oder Kindergarten gehen können oder der wöchentliche Besuch der Enkel ausfallen muss. Und gleichzeitig ist NEU extrem reizvoll: wer kauft sich nicht mal gerne ein neues Kleidungsstück? Aber dafür den alten ausgeleierten Lieblingspulli aussortieren und in die Kleidersammlung geben? NEU ruft ambivalente Gefühle bei den Menschen hervor. 
Wie sieht also NEU bei Gott aus? Wie unterscheidet sich der neue Bund vom alten Bund, der mit den Vätern geschlossen wurde? Ich erkenne drei Merkmale des neuen Bundes:

1. Der neue Bund zwischen Gott und den Menschen wird nicht wie die zehn Gebote auf Tafeln oder Dokumenten notiert, sondern in die Herzen der Menschen gegeben und in ihren Sinn geschrieben. 
Was für ein spannendes Bild: der neue Bund ist also keine Vernunftentscheidung oder das Ergebnis langer und zähflüssiger Verhandlungen zwischen den Parteien mit Ultimaten und Kompromissen. Es ist kein Vertrag, bei dem auf das Kleingedruckte geachtet werden muss oder der unverständlich formuliert ist. Der neue Bund ist ein Teil meines Lebens, in das Volk, in die Menschen, in mich hineingeschrieben, der neue Bund wird also ein Teil von mir. Insofern wird die Einhaltung des Bundes auch eine Herzensangelegenheit, kein Abhaken einer To-Do-Liste. Inhalte des Bundes sind kurz gesagt die Gottes- und die Nächstenliebe, so einfach gesagt, doch mit der Umsetzung im Alltag tun wir uns manchmal schwer.

2. Kennzeichen dieses neuen Bundes zwischen Gott und Mensch ist, dass alle Menschen gleich sind, keiner den anderen belehren muss. Alle Menschen sind gleich, es steht ja auch so im Grundgesetz, es klingt so einfach und so richtig, aber im Alltag scheitern wir oft daran. Und den anderen nicht zu belehren, das widerspricht oft dem „Ich weiß doch, wie es geht“-Gefühl. Das merke ich auch in diesen Corona-Zeiten, wo einige Menschen meinen zu wissen, was richtig ist und alle davon laut zu über-zeugen suchen. Egal, ob es um Verschwörungstheorien geht, dass z.B. Bill Gates die Weltbevölkerung auf 500 Millionen begrenzen und alle Menschen chipen will oder ob es um den richtigen Umgang mit dem Kontaktbeschränkungen geht. Manchmal merke ich, wie mein kleiner Besserwisser in mir drin den Finger heben möchte. Aber dann besinne ich mich wieder: alle sind gleich, ich muss meine Mitmenschen nicht belehren. Und immer wieder übe ich den liebevollen Blick auf den Nächsten, der durch den neuen Bund mir zum Bruder (ich ergänze) oder zur Schwester wird.

3. Eine von Gott einseitig gesetzte Voraussetzung des neuen Bundes ist die Sündenvergebung: Fehler werden von Gott vergeben, Sünden vergessen. Gott geht mit seiner Barmherzigkeit in Vorleistung, das prägt die Beziehung zwischen allen Bundespartnern. Gott setzt sozusagen alles auf null, kein Fehler der Vergangenheit soll dem neuen Bund im Wege stehen. Und kein Fehler, der zukünftig begangen wird, soll den Bund in Frage stel-len. So ist der Blick zurück ohne Scham über die eigenen Fehltritte und Sünden möglich. Stattdessen können Mensch und Gott auf die gemeinsame Vergangenheit schauen, in der sich Gott den Menschen als treuer Wegbegleiter, als Retter in Not und überlebenswichtig gezeigt hat. 
Ein neuer Bund zwischen Gott und den Menschen: Die gleichen Inhalte, aber diesmal in die Herzen und Sinne der Menschen geschrieben. Ein Bund, der nicht die Reichen oder Klugen bevorzugt, sondern allen Menschen die gleiche Kompetenz in Sachen Nächsten- und Gottesliebe zubilligt. Und ein Bund, der nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft gerichtet ist. Ein Bund, der einlädt dazu, die Welt mitzugestalten im Sinne Gottes und alles neu zu machen. 
Ja, NEU ist ambivalent, es löst Vorfreude und Angst aus. Das Gewohnte zu verlassen, birgt immer die Gefahr zu scheitern. Doch im Gelingen und Scheitern können wir auf Gott vertrauen, der ein guter Wegbegleiter und erprobter Krisenmanager ist. Denn wie heißt es in Psalm 27 (dem Wochenpsalm): „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ 
Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe