Lesepredigt für Sonntag, 24.01.2021

Lukas 2, 41 - 52
„Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“

Ein etwas unbelebtes Bild sehen wir. Alle scheinen ein wenig erstarrt. Jesus, schon mit Heiligenschein, sitzt wie auf einem Thron und lehrt. Er zeigt mit der rechten Hand in die heiligen Schriften, seine linke Hand erwartet Aufmerksamkeit auf das, was er zu sagen hat. Alte Männer stehen oder sitzen, hören zu, lesen mit oder erwidern etwas. Rechts außen am Bildrand erkennen wir Maria und Josef an ihren Heiligenscheinen. Ihre Erregung, den Sohn nicht gefunden zu haben, scheint sich gelegt zu haben. Sie sehen ihn gut aufgehoben auf dem thronartigen Gestühl.
 
Das Bild trifft, was Lukas uns erzählt. Ein sehr junger Mann kommt zu sich – im wahrsten Sinne des Wortes. Jesus will da sein, sagt er, was „meines Vaters“ ist. Es wundert uns nicht, dass Maria und Josef das nicht verstehen. Wie kann der Zwölfjährige noch einen anderen Vater haben? Und wie immer, wenn Maria nicht genau versteht, was sich ereignet, behält sie „alle diese Worte in ihrem Herzen“. Sie verurteilt nicht, sie nimmt verwundert an, was geschieht.
 
Nur der Evangelist Lukas erzählt solche Kindergeschichten Jesu. Erst erzählt er ausführlich die Geburt, dann die Begegnung mit Hanna und Simeon im Tempel, hier das Erlebnis im Tempel. Dahinter steht ein Plan. Unaufdringlich erzählt Lukas, wie aus einem normalen Kind der Heiland wird. Auch wenn Lukas sonst das Jüdische nicht sonderlich interessiert – hier ist es ihm wichtig. Der Heiland ist der erwartete Erlöser, der Gesalbte, mit dem hebräischen Wort der Messias, im Griechischen der Christus. Wenn das erst klar ist, könnte Lukas gedacht haben, kann ich davon erzählen, wie Jesus lebte, was er verkündete und wie er heilte. Wenn klar ist, dass der Messias der Jesus aus Nazareth ist, spielen die innerjüdischen Fragen keine große Rolle mehr. Hier ist der, der die Welt heilt.
 
Jesus heilt mit Liebe, mit unverwechselbarer Liebe. Er heilt mit der Liebe, die er von seinem Vater im Himmel erfährt.
 
Auch wenn seine Eltern Maria und Josef im ersten Moment zornig sind, verraucht doch dieser Zorn bald. Jesus geht nach der Zeit im Tempel mit seinen Eltern zurück nach Nazareth und ist ihnen „gehorsam“. Er hat einen für ihn wichtigen Auftrag erfüllt. Er hat sich als der Messias gezeigt; er kann offenbar schon lesen und, was noch wichtiger ist, er versteht schon, was er liest. Er hat sich eingebracht in die Glaubensschriften und hat womöglich angedeutet, wer er ist – ganz gleich, ob seine Zuhörer im Tempel das auch verstanden haben. Wer versteht Jesus schon; wer in den folgenden Jahren hat tatsächlich verstanden, wer er ist? 
 
Das wird Jesus begleiten: das große Unverständnis. Und, wenn wir ehrlich sind, begleitet ihn das bis zu uns. Der junge Mann, um die dreißig Jahre alt, soll das Heil der Welt sein? Warum er? Was ist denn besonders an ihm? Lieben können doch irgendwie alle, mehr oder weniger elegant.
 
Das stimmt. Lieben können irgendwie alle, jedenfalls ein bisschen; vor allem können wir die lieben, die uns sowieso nahe stehen. Bei Jesus und seiner Liebe ist aber doch etwas besonders. Er liebt, weil er sich geliebt weiß. In seinem Leben gibt es etwas, was unverbrüchlich ist: seine Haltung zu Gott, dem Vater. Diese Haltung ist unverbrüchlich. Zum Heil wird dieser Knabe, weil er eines niemals infrage stellt: dass Gott ihn liebt; dass der Vater im Himmel auf seiner Seite ist, ja, dass er, Jesus, Gottes Sohn ist. Diese Haltung macht ihn einzig. 
 
Diese Haltung macht seine Liebe, seine Zuwendung zu Menschen einzig. Aus erfahrener Liebe liebt er.
 
Liebe heilt. Gottesliebe heilt erst recht. Gottesliebe ist kein blinder Gehorsam, sondern ein bewusstes sich Fügen in den Willen Gottes. Gottesliebe heißt nicht, dass ich Gott verstehe. Es heißt, dass ich Gott anerkenne. Immer. Es gibt in meinem Leben ein größeres Wollen als meinen Willen. Das ist Anerkennen. Manchmal erst nach bitterem Klagen; oder nach heftigem Ringen mit mir selber. Aber dann, irgendwann, sagen zu können: Dein Wille geschehe – das ist Gottesliebe.
 
Wenn sie aufrichtig ist, befreit sie uns von unserem unbedingten Willen. So versteht es der Heiland. Darin dürfen wir ihm folgen. Gottesliebe heilt und befreit. Wir anerkennen das Wollen Gottes und heilen uns von aller Selbstgefälligkeit.
 
Geheilte sind ein Segen für die Welt.