Predigt am 23. 8. 2020 Bildbetrachtung

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit uns allen. Amen


Liebe Gemeinde,
vor gut einer Woche, am 15. August feierte die Katholische und Orthodoxe Kirche einen wichtigen Feiertag, den wir Protestanten kaum zur Kenntnis nehmen: Mariä Himmelfahrt.


Wenn wir Christen. Also auch wir Protestanten, die Mutter Maria für etwas lieben müssen, dann für diesen stillen Augenblick der Schmerzen. Der tote Sohn, gerade um die dreißig Jahre alt, im Schoß seiner Mutter.
Bitterer ist kaum ein Moment. Dabei hatte ja alles recht gut angefangen, wenn auch manches im Leben ihres Sohnes der Mutter ziemlich unverständlich, ja, anstößig gewesen ist. So ein Ende aber verdient niemand: eine schamlose Hinrichtung, beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die ihm doch vor einer kleinen Weile noch nachgelaufen ist. Da kann die ja noch junge Mutter, noch nicht fünfzig Jahre alt, nur bleich verharren,
die Augen geschlossen, den toten Sohn mit der rechten Hand umklammernd und mit der linken so haltend, dass er ihr nicht wegrutscht.

Pietá, das heißt Frömmigkeit. Marias Frömmigkeit ist hier Ergebenheit. Sie nimmt den Willen ihres Gottes hin, den sie nicht versteht.

Michelangelo war schon ein hochgebildeter junger Mann, als er in Florenz mit der berühmten Familie Medici in Berührung kommt. Später arbeitet und studiert er in Bologna und Venedig, bevor er nach Rom geht. Dort entstehen Werke, die in ihrer Sinnenfreude an die Antike erinnern. Aber auch die "Pietá", der stille Ausdruck des Schmerzes.

Michelangelo verkörpert damals einen neuen Typ des Künstlers im Umgang mit den Mächtigen seiner Zeit in Kirche und Staat. Er befreit sich aus allen traditionellen Bindungen und Bevormundungen und erschließt sich eine Welt aus bis dahin nicht gekannten psychologischen und bildnerischen Ausdrucksformen. Vor allem seine Darstellungen des menschlichen Körpers wirken stilbildend auf nachfolgende Künstlergenerationen. Legendär
sind heute seine Ausmalungen der Sixtinischen Kapelle in Rom, die damals wegen der Nacktheit einiger Figuren auf scharfen Protest stoßen - bis zur gelegentlichen späteren Übermalung einiger Darstellungen. In allem, was Michelangelo schafft, so sagt es die Kunstgeschichte, verbirgt sich auch sein persönliches Erleben und Erleiden. "Je vollkommener, desto mehr Schmerzen", sagt er selbst in einem seiner Gedichte.

Das dürfen wir auch von Maria denken und sagen, wobei mir bis heute verschlossen bleibt, warum die römisch- katholische Kirche einen solchen Tag wie den der Himmelfahrt Marias zum Dogma erheben musste und damit den Streit mit der evangelischen Kirche ohne Not verschärfte.

Maria ist die Mutter der Schmerzen. Nicht die Einzige, weiß Gott nicht, aber die Erste, die sich auf der Schwelle vom Judentum zum Christentum mit Gott auseinandersetzen muss, der eine Verheißung ausspricht und sie dann scheinbar nicht einhält. "Dein Sohn", hört die junge Maria vom Engel Gabriel, "wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben".
Für die Ohren der jungen Jüdin Maria klingt das geradezu ungeheuerlich: Mein Sohn, der noch nicht einmal seinen biologischen Vater kennt, wird auf dem Thron des großen David sitzen? Das kann Maria nur mit Schweigen beantworten, will sie den Engel nicht auslachen. Schließlich sagt sie. "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast." Aufrechte Ergebenheit ist das. Maria nimmt an, was sie nicht verstehen
kann.

In solch aufrechter Ergebenheit führt sie ihr Leben nach jüdischem Ritus. Der Epheserbrief beschreibt "aufrechte Ergebenheit" mit noch größeren Worten: Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben. Glaube ist hier ein Gottvertrauen, das einem den Atem raubt. Maria trägt- erträgt. Maria klagt nicht - oder wir erfahren es nicht. Maria lebt ihren jüdischen Glauben mit allen Gebeten des Tages und der Feiertage, sie wird Witwe
mit vielen Kindern - und sie steht unter dem Kreuz ihres Erstgeborenen und erträgt auch dieses unermessliche Leid. Sie zeigt eine Glaubensgröße, die kaum vorstellbar ist. Warum muss sie also noch ausdrücklich in den Himmel aufgenommen werden? Stellt sich irgendjemand wirklich vor, sie könnte nach ihrem Tod nicht sofort bei Gott aufgenommen worden sein?

Je vollkommener, desto mehr Schmerzen, dichtet Michelangelo über sich und über alle, die das Leben nicht nur einfach hinter sich bringen wollen, egal wie, sondern die jeden Augenblick ihres Lebens mit Gott in Beziehung bringen und - soweit das möglich ist - auch verstehen wollen.

Die stillen Augenblicke der Schmerzen sind dabei immer die größte Herausforderung. Sie besteht man nicht mit gequälter, sondern nur mit aufrechter Ergebenheit, die da heißen kann: Gott, ich verstehe dich nicht, und ich leide an dir. Aber gib du mir auch die Kraft zu tragen, was du mir auferlegst.

Gottes Verheißungen reichen oft über unser Verstehen hinaus.

Amen

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unser Verstehen bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen