Lesepredigt zum Mitnehmen, 21.06.2020


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen


Liebe Gemeinde,

ich möchte Ihnen zu Beginn vier Menschen vorstellen, die von sich und dem was sie tun, überzeugt sind. Und das verkünden sie auch
andern Menschen. Sie fühlen sich berufen, ihre Haltung, ihr Handeln als Auftrag für andere Menschen zu vermitteln.

Sie fühlt sich gut. Und das kann ihr niemand mehr nehmen. Sie weiß, wo sie hingehört. Für sie ist nun endlich klar, was schwarz und was weiß ist. Gedacht hat sie schon länger so. Aber sie ist sich sicher: Die Anderen, die Nicht-Deutschen müssen das Feld räumen. Sie ist davon überzeugt und stellt sich ganz vorn hin und verkündet ihre Botschaft. Gern sagt sie harte, klare Worte. Sie lässt keine Zweifel zu.

Seit mehr als 20 Jahren ist er auf den Ozeanen und Meeren unterwegs, forscht, untersucht, berichtet und mahnt. Er ist überzeugt, dass es so nicht weitergehen kann. Das Meer vermüllt, die Fischarten und Fischmengen werden immer mehr reduziert. Die Menschen, die bisher vom Fischfang leben auf allen Kontinenten, werden, wie Petrus, mehr und mehr leere Netze aus den Meeren ziehen. Er sieht sich als Rufer in der Wüste, der nicht gehört wird. Wobei er hinzufügt, es sei eine Wüste im Sinne von „bald verödet und leblos.“

Er wurde geboren mitten im Zweiten Weltkrieg – im Elsass. Er war ein sensibles Kind. Wenn jemandem Leid geschah, Menschen oder Tieren, wurde er
traurig. Er war musikalisch begabt und lernte Orgel spielen. Aber sein Beruf wurde dann doch Arzt. Er ging nach Afrika, nach Gabun, um die Erkenntnisse moderner Medizin auch dorthin zu bringen, wo sie dringend nötig waren. Mit dem dortigen Medizinmann tauschte er sich aus, beide lernten voneinander. Es gab viele Anfeindungen, aber auch Bewunderung. Ohne seine Frau Helene hätte er aufgegeben.

Er war im Gefängnis. Wurde gefoltert. Der König wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. Keiner und keine wollte es hören. Er hätte auch aufgeben können. Den Mund halten und sich in die Einsamkeit zurückziehen. Widerrufen. Aber er fühlte nicht nur den inneren Drang, damit wäre er fertig geworden.  Nein, er hörte Gottes Stimme. Wo er ging oder stand, Gottes Worte ließen ihn nicht in Ruhe. Er sah, was er nicht mehr sehen wollte. Er hörte, was er nicht mehr hören wollte. Und so sprach er laut – und leise – hier und dort, im Tempel, auf der Straße und den Plätzen.
Und er schrieb es auf.

Vier Menschen. Alle vier fühlen sich als Propheten. Alle haben etwas zu verkündigen.

Der letztgenannte, Jeremia, lebte vor etwa 2.500 Jahren in Judäa, in Jerusalem.
Der Dritte war Albert Schweitzer, dessen Gedenktag am 1. Juni
begangen wird. Er starb 1965.
Der zweite ist einer von den Meeresforschern
unserer Zeit, die international tätig sind.
Die erste ist eine fiktive Kandidatin einer rechtspopulistischen Partei.


Predigtext: Jeremia 23, 16 – 23
„So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem
Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

"Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“

Wir könnten es uns einfach machen. Ich bin versucht, zu sagen: Es ist doch klar, die Frau aus der rechtspopulistischen Partei ist die falsche Prophetin und die beiden Anderen, sowohl Jeremia als auch der Meeresforscher, sind auf der richtigen Seite. Aber, wenn wir genau hinschauen, predigt auch sie eine Umkehr. Und das ist jenes Kriterium, das Jesaja benennt. Wer alles beim Alten belassen will, der sei der falsche Prophet. Das will sie nicht. Sie will Veränderung. Sie will aufrühren und die Menschen in Unruhe versetzen. Sie will, dass die Vorzeichen verändert werden.

Im heutigen Predigttext hörten wir eben eine Gottesrede an den Propheten Jeremia, die dieser weitergibt. Er beginnt mit dem „Herrn Zebaoth“, also eine mehr als offizielle Rede. Der Herr der Heerscharen sagt Euch an. Vielleicht hat er das im Tempel vorgetragen, vor jenen, die als die falschen Propheten tituliert werden. Er stellt deren Autorität, Beauftragung und die Qualität ihrer Rede in Frage. Mir ist nicht klar, ob er die Priester und Hohepriester meint oder andere, die unterwegs sind im Namen Gottes und „zum Volk“ auf den Straßen und Plätzen sprechen. „Ich sandte die Propheten nicht und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen und doch weissagen sie“. Die Propheten hatten häufig einen undankbaren Dienst zu tun, sie mussten immer wieder mahnen und auf Fehler hinweisen. Sie waren Boten Gottes, oft ungewollt, wie Jeremia, der sich sträubte und auf seine Unfähigkeit verwies. Nicht selten hatten sie mit Repressalien zu rechnen, Jeremia selbst wurde sogar gefoltert.
Weissagen bedeutete nicht, die Zukunft vorauszusagen – schon gar nicht mit magischen Methoden – sondern die Erinnerung wachzuhalten. Hebräisch: „Ihr seid Gottes Volk, ihr habt einen Bund geschlossen, in dem beide Seiten etwas versprochen haben.“ Das war unbequem. Die Könige – wie der gerade regierende – und die Reichen, die Privilegien hatten, sahen nicht ein, diese aufzugeben.
Und das Volk, unter denen auch Arme waren, war entweder schwach oder manipulierbar – oder beides. Sicher gab es auch Menschen, die den Weisungen folgten und darunter litten, dass die Sitten verrohten und die Gemeinschaft auseinanderzubrechen drohte.


Jeremia spricht den Anderen, Priestern und Propheten, ab, dass sie befugt und fähig seien. Gewichtige Argumente führt er auf. Eines der zentralen ist: „Bin ich ein Gott der nahe ist ... und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ Theologisch gesagt bedeutet das: Gott ist nicht verfügbar. Gott ist uns Menschen nah, aber zugleich fern. Dass Menschen die Gottesferne beklagen, schwang von Anbeginn der Bibel, der Erzählungen mit. Nach der Vertreibung aus dem Paradies, so der Mythos der Schöpfungsgeschichte, war die absolute Nähe vorbei.
Jesus Christus hat für uns die Entfernung zu Gott verringert, aber sie wird nie ganz aufgehoben sein.


Dass Gott fern ist, bedeutet auch, dass Gott von ferne „Alles sieht“. Z. B. wer lügt, wer sich etwas anmaßt, wer schauspielert und wer nicht mit dem Herzen dabei ist. Hohle Worte sind nicht im Sinne Gottes. Wissen wir denn heute, was die rechte und die falsche Prophetie ist? Und können wir die Propheten identifizieren? Vermutlich ist es für uns ebenso schwierig wie für die Menschen damals. Denn manches, was überzeugend klingt, ist doch hohl. Oder anderes, was wie Samt und Seide klingt, ist nicht weich und wohltuend, sondern verletzt Menschen.


Letztlich, so verstehe ich die Gottesrede, die Jeremia in den Mund gelegt ist, sind es nicht wir, die das abschließend beurteilen können. Dieses Urteil können wir uns nicht anmaßen. Wohl aber sind wir gerufen, jene, die sich für Propheten halten oder als solche ausgeben, nach dem zu fragen, was sie wirklich wollen. Und vielleicht ist es unser Auftrag, prophetisch, d. h. mahnend aufzutreten, wenn die Dinge zu einfach, zu eingängig erklärt werden. Vielleicht ist das Prophetische dann der Rufer oder die Ruferin in der Wüste, die in Frage stellt. Ist es richtig, dass die Meere vermüllen und Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt werden? Ist es richtig und unvermeidlich, dass wir unseren Kindern und Enkeln unseren Dreck hinterlassen, anstatt die Notbremse zu ziehen?


Natürlich müssen wir uns vorher darauf einigen, dass wir Verantwortung tragen. Für die Bewahrung der Schöpfung, für den sozialen und globalen, den lokalen und den regionalen Frieden. Wenn wir uns darauf verständigen, folgt daraus, dass wir genau hinhören und genau hinsehen, was wir sagen, was wir deuten und was wir tun.


Albert Schweitzer war ein mutiger Mann. Er ist losgegangen. Hat dabei auch Fehler gemacht, aber bis heute ist der Friedensnobelpreisträger von 1953 ein Vorbild für viele. Jeremia mit seinen Selbstzweifeln hat uns wunderbare Worte hinterlassen. Die Meeresforscher brauchen Gehör. Und jene, die die
Rechtspopulisten wählen, brauchen trotzdem unser Gehör und unsere Gesprächsbereitschaft. Auch wenn ihnen mit Argumenten schwer bei zu kommen ist. Denn unter ihnen sind viele, die das Gefühl hatten, sie sind ausgegrenzt. Unwichtig und unbeachtet. Auch in unserer Gesellschaft. Sie sind keine Propheten und Prophetinnen, aber doch Klagende und Anklagende. Und manche gehören zu jenen, deren Stimmen verstummt waren. Dass sie nun von einer Seite geworben werden, die sie in der letzten Konsequenz nicht unterstützen
und stärken werden, ist keine Ironie des Schicksals, sondern traurig.


„Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt“, spricht der Herr.


So lasst uns hingehen, in seinem Auftrag, und unsere Nächsten aufsuchen, die
uns verloren zu gehen drohen.

Amen


Und der Friede Gottes, der größer ist als all unser Verstehen bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.


Amen