LESEPREDIGT zum Sonntag Invokavit
21. Februar 2021
Predigttext: Matthäus 4, 1-11

Liebe Gemeinde,
der Sonntag Invokavit steht seit alters her unter dem Thema Versuchung.
In unserem Sprachgebrauch wird das Wort Versuchung ja meist verniedlicht, wenn die Werbung von der „zartesten Versuchung, seit es Schokolade gibt” spricht, oder wenn eine Likörpraline mit den Worten angepriesen wird „wer kann dazu schon nein sagen”. 

Echte Versuchung ist etwas, was uns in der Tiefe unserer Existenz trifft, den ganzen Menschen in Frage stellt und teuflische Züge trägt. 

Versuchung will uns von Gott und seinen guten Wegen mit uns abbringen. Darum heißt es im „Vater Unser“ auch „führe uns nicht in Versuchung.“ Hilf uns, damit wir dicht bei dir bleiben.

Nicht Gott versucht uns, sondern wir erliegen allzu leicht den Versuchungen, die von uns Besitz nehmen wollen.
Gott hat uns mit vielen Gaben ausgestattet, mit vielen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Jeder Mensch ist einzigartig. Aber in der Hand von uns Menschen kann all das, was Gott in unsere Hände gelegt hat, entarten und uns und andere knechten. Das ist die Versuchung, dass wir nicht mehr nach dem Willen Gottes leben.

Martin Luther sagte einmal: Wo dein Herz ist, da ist dein Gott. Wo ist unser Herz. Was ist dein Lebenszentrum?

Auch Jesus wurde versucht. So erzählt es eine Geschichte im Matthäusevangelium. Der Evangelist setzt sie zwischen Jesu Taufe im Jordan und Jesu Wirkungsbeginn in Galiläa.

Frisch getauft wird Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Wie wird sich Jesus, der „Gottes Sohn“ genannt wird verhalten, nun, da er den Weg zum Leben gehen soll? Wird er den verschiedenen Versuchungen widerstehen, die der Versucher für ihn bereithält?

Der Versucher stellt neugierige unbequeme Fragen, die vermeintliche Selbstverständlichkeiten hellsichtig durchleuchten: „Deine Gottessohnschaft könnte auch ganz anders sein“, so flüstert er Jesus zu. „Warum willst du ein Leben führen, dass dich bis ins Leid und in den Tod am Kreuz bringt.“ 

Seine Versuchungen spielen mit Alternativen, sie legen den Finger auf die wunden Punkte und greifen zielsicher die Schwächen und geheimen Sehnsüchte heraus. Jesus wird in dieser Geschichte ganz ordentlich mit seinem Gegenspieler disputieren, um sich seines eigenen Weges gewiss zu werden.

Nach vierzig Tagen und Nächten in der Wüste – nach langer Zeit, ist Jesus hungrig. Die runden flachen Steine in der Wüste erinnern ihn an Brot, es lockt ihn und nach einiger Zeit denkt er an nichts anders mehr als an Brot.

Scheinbar fürsorglich kommt die Frage: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden”. Was für eine tolle Idee! Den Hunger zu besiegen. Die ausgewaschene, erstorbene Steinwüste würde dann zum Lebensspender. Brot aus Steinen. Der eigene Hunger besiegt. Und eigentlich doch ein Klacks für den Sohn des Schöpfers des Himmels und der Erde. 

Was ist daran schlimm aus Steinen Brot zu machen? Heiligt der Zweck nicht die Mittel? Aber Jesus stellt Gott und sein Wort in die Mitte. Er greift nicht an Gott vorbei nach der Macht, sondern er unterstellt sich Gott.

Er sagt: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht”. Statt seine Macht zu beweisen, weist er auf Gott und sein Handeln hin.

Nicht ALLEIN vom Brot. Das körperliche Sattwerden wird von Jesus keineswegs für unwichtig erklärt - nur soll dieses Sattwerden nicht als das letztlich Wichtige für das Leben betrachtet werden. Brot gehört zwar zu den Lebensbedingungen, die Leben ermöglichen, aber in dem Haben von Brot geht unser Leben nicht auf. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Gott steht an erster Stelle. „Was Gott will, dass geschehe, nicht was ich will“, sagt Jesus.

Der Versucher versucht es ein zweites Mal. Er führt ihn „mit sich in die Heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt”. Der sehr fromm erscheinende Versucher zitiert einen Teil aus einem Psalm. Auf den ersten Blick scheint er ja Recht zu haben. Da sind doch die Mächte Gottes, die uns umgeben und bergen. So heißt es in einem Lied: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Gott kann doch bewahren. Und Jesus könnte sich als Gottessohn erweisen, indem er im religiösen Zentrum, auf dem Tempel, vormacht, wie sich Gottvertrauen bewährt. 

„Gottvertrauen trägt im Leben“, sagt Jesus, aber ein Springen vom Tempel ist nicht Zeichen von Gottvertrauen, sondern Zeichen von Vertrauensmissbrauch. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen”. Du darfst und brauchst ihn nicht auf die Probe zu stellen. Es kommt dir nicht zu, ihn aus seiner vermeintlichen Reserve zu locken. Es ist nicht deine Sache zu demonstrieren, dass Er Gott ist. Auf selbstgewählten Wegen Gottes Wunderhilfe zu erwarten ist Vermessenheit, nicht Glauben. Es ist ein eigenmächtiger Versuch, Gott zu instrumentalisieren, auf die Probe zu stellen, statt Vertrauen auf Gott.

Noch einmal wechselt die Szene. Jesus steht auf einem sehr hohen Berg: alle Königreiche der Erde liegen ihm zu Füßen. Träumt er?  „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest,“ sagt der Versucher. 

Die klassische Versuchung für jeden, der König und Machthaber sein will. Dieser Traum legte im Dritten Reich halb Europa in Schutt und Asche. Andererseits: Was kann man alles Gutes als Besitzer der Weltmacht stiften? Anstatt das Jesus den Weg des Leidens geht, bis zum Kreuz, könnte er das messianische Reich, das Friedensreich in Herrlichkeit heraufführen. Jedoch mit der kleinen Einschränkung, mit dem kleinen Fehler, dass um dieses Ziel, das Ziel der Ziele zu erreichen, eben der Teufel anzubeten wäre. Nur einen Moment! Und dann das messianische Reich!

Aber Jesus erkennt, dass wenn der Teufel gibt, ja selbst wenn er alle Königreiche geben würde – er doch nichts Anderes tut, als nehmen. Denn er nimmt Gott. „Weg mit Dir Satan. Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn deinen Gott und ihm allein dienen.”

Wieder stellt Jesus Gott in die Mitte und ordnet sich seinem Willen unter.

Indem Jesus in allem was er sagt, Gott anruft und sich nicht von ihm trennen lässt, verschwindet der Versucher von der Bildfläche. 
Und siehe, heißt es, da traten Engel zu ihm und dienten ihm. Jesus erliegt nicht der Versuchung. Er will nicht wie Gott leben, sondern für Gott leben.

Wer sich auf Gott einlässt, wer vor Gott seinen Ort sucht, der erlebt manche Versuchung und die Versuchungen haben viele Gesichter. Darum sollen wir immer wieder Gott suchen, ihm vertrauen und in der Verantwortung vor ihm unseren Weg finden. Wo dein Herz ist, da ist dein Gott!

Und wenn unsere Kräfte nach vierzig Tagen und Nächten, vielleicht auch erst nach vierzig und mehr Jahren, vielleicht aber schon nach vierzig Augenblicken verzehrt sind: dann erinnern wir uns daran, dass Jesus die Herrschaft errungen hat. Er kennt unsere Sorgen, unsere Zerrissenheit, unsere Unfertigkeit und unser Leid.

Er weiß, was es heißt, versucht zu werden. Er weiß, was leiden heißt. Er hat sich dem gestellt bis zum Schluss. So ist er der Herr in unserer Mitte, der uns von der Versuchung und dem Bösen erlöst. Amen.      
Ernst Schmidt