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Sonntag 4. Advent, 20. Dezember 2020

Wochenspruch: Freuet euch in dem Herrn allewege, und 
abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Phil 4,4-5)

Liebe Gemeinde,
ich mag Überraschungen. Aber dabei denke ich natürlich nur an die schönen Überraschungen wie den Anruf eines Freundes, von man schon lange nichts mehr gehört hat oder ein Lob aus dem Mund seines pubertierenden Kindes. Solche Überraschungen mögen wir alle. Und die Weihnachtszeit bietet da ja allerhand Möglichkeiten – gerade in diesem Jahr. Da kommt das ein oder andere Päckchen oder der ein oder andere Weihnachtsgruß doch unerwartet.

Bei Überraschungen denke ich nicht so sehr an die Ereignisse, die das ganze Leben komplett auf den Kopf stellen, so wie es das Corona-Virus im letzten Jahr tat. Wer hätte schon gedacht, dass so ein kleines Virus uns dazu bringen könnte, an Ostern und Weihnachten keine Gottesdienste in oder an der Kirche zu feiern? 

Von solch einer lebensverändernden Überraschung erzählt der Predigttext vom vierten Advent aus dem ersten Buch Mose (1. Mose 18,1-15): Sara und Abraham sind alt. Und Sara hat sich damit abgefunden, dass sie keine eigenen Kinder haben wird, obwohl Gott Abraham Nachkommen verheißen hatte. Lange hatte sie gedacht, dass sie als seine Frau natürlich mitgemeint ist. Und sie hatte sich auf ein Kind gefreut. Doch die Jahre gingen ins Land, Abraham und Sara wurden älter, doch Sara wurde nicht schwanger. Schließlich zeugte Abraham mit anderen Frauen Kinder. Und Sara gewöhnte sich an die Blicke, an ihre Demütigung und Zurücksetzung, die sie als kinderlose Frau in der damaligen Gesellschaft erfuhr. Sie fand sich mit ihrem Leben ohne Kinder ab. Doch immer wieder brach diese Wunde der Kinderlosigkeit in ihr auf: wenn sie die Kinder Abrahams spielen sah oder wenn ihr eine schwangere Frau begegnete. 

Doch dann kam der Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellen sollte: es war Mittagszeit und die Sonne brannte heiß vom Himmel. Abraham döste im Schatten seines Zeltes. Als er die Augenöffnete, standen drei Männer (oder ein Mann, das wird in der Geschichte nicht ganz deutlich) vor ihm. Eine Fata Morgana? Nein, es waren wirklich drei Männer, die offenkundig zu ihm wollten. Und er spürt sofort: das ist Gott und er will zu ihm. Abraham geht ihm entgegen, begrüßt die Männer/ den Mann und lädt sie ein, im Schatten eines Baumes zu verweilen. Dann bewirtet er sie üppig mit allem, was er hat: Brot wird gebacken, ein Kalb geschlachtet, das Beste aufgetischt – orientalische Gastfreundschaft. 

Erst nach dem Essen beginnen die Männer (oder ist es nur einer?) zu sprechen: In einem Jahr werden wir wiederkommen, dann wird Sara einen Sohn geboren haben. Sara selbst sitzt nicht am Tisch, sie steht im Zelt und hört jedes Wort: Sie sollte mit Mitte 80 schwanger werden, wo es nicht geklappt hatte, als sie jung war? Sie bekommt ihre Periode schon lange nicht mehr, und Abraham, naja, er ist schließlich auch nicht mehr jung und voller Kraft. Was für ein seltsamer Gedanke! Sara lacht ungläubig auf. 

Das hören die Männer/ der Mann und fragen: „Warum lacht Sara? Warum zweifelt sie? Gott ist alles möglich.“ Sara hört diese Worte und ist beschämt: erst jetzt versteht sie, dass nicht irgendein Fremder zu Besuch ist, sondern dass sich Gott dort bei Abraham befindet. Aus Verlegenheit und Angst leugnet sie ihr Lachen und ihre Bedenken. Doch ihr Lachen steht wie ein großer Zweifel im Raum.

Liebe Gemeinde, diese Geschichte handelt nicht nur von einer Überraschung, sondern mindestens von drei Überraschungen:

1. Gott kommt überraschend: Abraham hatte wie alle anderen Urväter auch ein inniges Verhältnis zu Gott. Immer wieder erhielt er Aufträge und Verheißungen von Gott. Und doch: in der Mittagshitze in der Wüste vor seinem Zelt hatte er Gott nicht erwartet. Er war unvorbereitet: das Brot musste noch gebacken, das Kalb noch geschlachtet werden. Gott kommt unerwartet: das erfährt auch Maria, als der Engel, der Bote Gottes, ihr ihre Schwangerschaft verkündet. Gott kommt unerwartet: das gilt auch für uns. Denn sind wir mal ehrlich: so richtig mit seinem Kommen rechnen, tun wir nicht. Wäre im Alltag zwischen Familie, Beruf und Weihnachtsvorbereitungen überhaupt Platz für eine Begegnung mit Gott? 

2. Gott kommt anders, als wir uns das vorstellen: Wenn Sie die Geschichte in der Bibel nachschlagen, wird Ihnen auffallen: Mal ist die Rede von drei Männern, dann wieder nur von einem. Aber klar ist: es ist Gott, der Abraham und Sara besucht – in welcher Gestalt auch immer. Gott ist anders, als wir uns ihn vorstellen. Wir sollen uns kein Bild von ihm machen – und doch brauchen wir Bilder, um von Gott zu reden. In der Bibel gibt es viele unterschiedliche Bilder für Gott, um Eigenschaften Gottes zu beschreiben: Gott als Hirte oder als Arzt, als Sonne oder Burg. Gott lässt nicht festlegen auf unsere Ideen und Denkmuster: drei Männer (oder doch nur einer) bei Abraham und Sara, ein Engel bei Maria, ein Kind in der Krippe für uns. Wir können ihn nicht einordnen oder ausrechnen. Gott hält sich offen – und damit auch uns. Denn Gott lässt sich ausrechnen oder einplanen.

3. Gott tut Überraschendes – Unmögliches wird möglich: Wenn Gott kommt, ist viel mehr möglich, als wir uns vorzustellen wagen. Das bedeutet auch: Gott befreit uns von Täuschungen. Sara war überzeugt: „Ich bin zu alt, um Kinder zu gebären.“ Gott ent-täuscht sie: Er nimmt ihr die Täuschung, dass die Grenzen der menschlichen Realität auch die Grenzen des göttlichen Handelns sind. Maria hört die Verheißung Gottes und erschrickt: „Unmöglich! Wie kann das gehen, in meiner Lebenssituation ein Kind?“ Doch Gott eröffnet ihr Wege. Gott, der erwartete Retter, in einem Kind? Bedürftig, geboren in einem Stall? Wie soll das gehen? Unmöglich. Und doch: Wirklichkeit geworden. Alle Grenzen der Realität werden gesprengt: Gott wird Mensch!

Ich mag Überraschungen. Und ich vertraue darauf, dass Gott uns immer wieder und immer wieder anders überrascht und die Grenzen unseres Denkens verschiebt. Auch wenn Gottesdienste an Weihnachten nur online oder gestreamt stattfinden, wird Gott Wege finden, seine Botschaft der Hoffnung und des Friedens in unsere Herzen einziehen zu lassen und er wird uns ganz nah sein. Denn Gottes Licht scheint hell in der Finsternis. 

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe