Lesepredigt zum Mitnehmen
16. August 2020
„Unbedingt barmherzig“

Predigttext: Römerbrief 11,25-32
„Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«


Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“


Liebe Gemeinde!
Dies ist wieder so ein Text des Apostels Paulus, der einem Kopfzerbrechen bereitet und den man als schwer verdauliche Kost am liebsten wieder beiseitelegt. Es handelt sich aber bei diesen Versen um einen zentralen Text, wenn es um das zu allen Zeiten so schwierige und spannungsgeladene Verhältnis zwischen Juden und Christen geht; ein Schlüsseltext zum Verständnis dessen, wie wir als Christen im Licht des Evangeliums unsere Stellung zu unseren Mitmenschen jüdischen Glaubens sachgemäß bestimmen können.


Was also ist zu tun? Am besten versuchen wir, noch einmal nach- und durchzubuchstabieren, was Paulus hier ausdrücken will. Was damals vor knapp 2000 Jahren den Römern offenbar als Gedankengang zuzumuten war, das sollte als Botschaft doch auch heute noch so verstehbar sind, dass es uns hilft als Orientierung bei dieser schwierigen Fragestellung. Als Einstieg zum besseren Verständnis bietet es sich an, sich noch einmal den Gedankengang des Paulus im Zusammenhang zu vergegenwärtigen.


In seinem Brief an die Gemeinde in Rom stellt Paulus in einem ersten Teil sein Verständnis des Evangeliums als große Versöhnung zwischen Gott und Mensch dar. In einem zweiten Teil, von dem unser Predigttext sozusagen den Abschluss bildet, beschäftigt sich Paulus mit der Frage, warum sich ausgerechnet die Juden der Botschaft von Jesus Christus als Messias verschließen. Eine Frage, die Paulus persönlich betrifft: War er doch ein begeisterter Jude, der die junge christliche Gemeinde verfolgte – bis zu seiner Erkenntnis und Bekehrung zum christlichen Glauben. Jesus wie Paulus haben jüdische Wurzeln - eine Tatsache, die wir Christinnen und Christen immer mal wieder gerne vergessen oder in den Hintergrund schieben.


Das Verhältnis von Judentum und Christentum war von Anfang an schwierig, da die neu entstehenden christlichen Gemeinden oft in Konkurrenz zu den jüdischen Gemeinden standen. Und im Verlauf der Jahrhunderte wurden die Juden als Feinde des Christentums bezeichnet, ihnen wurde Gottesmord vorgeworfen. So entstand in allen Gesellschaftsschichten ein Antisemitismus, der in der Nazi-Zeit in der Shoa und der Vernichtung von 6 Millionen Juden gipfelte. 


Seitdem bemühen sich die christlichen Kirchen und das Judentum um ein neues Verhältnis, das von der Betonung des Gemeinsamen bestimmt ist und den Blick auf die gemeinsamen Wurzeln ermöglicht. So können Judentum und Christentum auf eine Reihe Gemeinsamkeiten schauen, denn der Gott Israels ist ja auch der Gott Jesu und damit der Gott der Christen. So gibt es viele inhaltliche Übereinstimmungen wie das Doppelgebot der Liebe und die Zuwendung zu Armen und Schwachen. Insofern könnte man das Verhältnis von Judentum und Christentum als geschwisterlich bezeichnen - in Bild, das auch die vielen Schwierigkeiten im Verhältnis ausdrücken kann. 


Paulus ringt in den letzten Kapiteln des Römerbriefes um das Verhältnis von Juden und Christen. Und so stellt er fest: Israel ist Gottes erwähltes Volk, das war so und das ist so und das wird so bleiben. Kein Mensch kann und soll die Erwählung Israels infrage stellen. Damit verbunden ist die Frage der Errettung Israels durch Gottes Gnade, die Gott versprochen hat. Nichts und niemand kann die Erwählung und Errettung Israels infrage stellen. Das ist Punkt 1 der paulinischen Argumentation.


Doch stellt sich für Paulus die Frage, warum Israel Jesus Christus als Messias nicht erkennen konnte. Paulus spricht an dieser Stelle von einer Verhärtung, Martin Luther hat es als Verstockung übersetzt. Allerdings ist dies kein willentlicher Akt der Jüdinnen und Juden, sondern diese Verhärtung des Herzens wird durch Gott bewirkt. Gott verstockt manchmal die Herzen der Feinde Israels z.B. beim ägyptischen Pharao, der die versklavten Israeliten nicht ziehen lassen wollte, aber manchmal auch bei Israel selbst. Die alttestamentlichen Propheten klagen manchmal über die Verstockung Israels, einen Zustand der Gottesferne, in dem die Menschen gegen Gottes Willen handeln. Und so sieht Paulus die Verhärtung des Herzens als Grund dafür, dass Israel, dass die Juden Jesus Christus nicht als Messias erkennen – im Gegensatz zu den Christinnen und Christen.


Ein Grund zur Freude für die Christen? Ja! Denn, so argumentiert Paulus, nur dadurch, dass Israels Herzen verhärtet waren, hatten andere, die sogenannten Heiden, die Möglichkeit von Jesus Christus zu erfahren und sich im Namen des dreieinigen Gottes taufen zu lassen. Nur dadurch, dass die Juden den Weg zur Errettung durch die Messianität Jesu ablehnten, konnten Menschen aus anderen Völkern Anteil am Heil erlangen und gerettet werden. 


Stellt denn die Verhärtung des Herzens und die damit verbundene Ablehnung der Erkenntnis Jesu als Messias die Errettung Israels in Frage? Gibt es nur den einen Heilsweg, nämlich den über den Glauben an Jesus Christus und die damit verbundene Taufe? Nein, sagt Paulus kategorisch. Das Volk Israel bleibt das erwählte Volk Gottes: Gott hat mit seinem Volk einen Bund geschlossen, ihnen Errettung versprochen. Gottes Heilszusagen gelten auch weiterhin für das Volk Israel. Und in diese Heilszusagen werden die Christen durch Gottes Heilshandeln in Jesus Christus miteinbezogen.


Wie kann das gehen, werden sich die die Leserinnen und Leser des Römerbriefes gefragt haben. Und Paulus antwortet: das ist ein Geheimnis. Gott offenbart sich dem Volk Israel anders als den Christen, doch beide Wege zum Heil und zur Errettung durch Gott sind möglich. Gottes gnädiges Handeln zu durchschauen, ist uns nicht möglich. Aber Juden und Christen werden beide errettet durch Gottes Gnade. 


Insofern fällt jeder Grund, von christlicher Seite aus überheblich oder verächtlich auf die jüdischen Gemeinden zu schauen, weg. Denn Gott hat sich seinem erwählten Volk Israel früher offenbart, es hat den Gott Abrahams und Jakobs im Gegensatz zu den anderen Völker erkannt. Israel hatte viel früher Anteil an Gottes Heil als die heidnischen Völker, die sich dem jüdischen Glauben gegenüber verstockt zeigten und sich erst nach und nach vom christlichen Glauben überzeugen ließen. 

Ein schwieriger Text und ein komplizierter Gedankengang des Apostels, aber drei Dinge sind mir wichtig:
1.
Es gibt keinen Grund, überheblich oder verächtlich auf andere Religionen und besonders auf das Judentum zu schauen, denn Gott kann sich Menschen ganz unterschiedlich offenbaren. Unser Weg zum Heil über Jesus Christus ist nicht der einzige. 
2.
Der zweite Punkt hängt sozusagen damit zusammen: Gottes Gnade ist nicht ausrechenbar, wir können sie nicht verdienen. Gottes Gnade steht niemandem zu, egal, was für ein guter oder schlechter Christ*in oder Jude er/ sie ist. Das ist ein Punkt, den wir manchmal vernachlässigen: Ich bekomme nicht mehr Anteil am Heil, ich werde nicht früher errettet, wenn ich besser glaube und mich an die christlichen Gebote halte. Gottes Gnade lässt sich nicht einplanen. Das kann ganz schön verunsichern – oder ich vertraue auf Gottes Barmherzigkeit.
3.
Das Verhältnis von Christentum und Judentum war über die vergangen zwei Jahrtausende schwierig. Statt die Unterschiede zu betonen und den alleinigen Heilsweg für sich zu behaupten, kann sich das Verhältnis zum Judentum verändern, wenn wir auf die gemeinsamen Wurzeln schauen. Denn Christen und Juden sind sozusagen Geschwister mit den gleichen Grundlagen, die sich dann in unterschiedliche Richtungen weiter und voneinander weg entwickelten. Und wie die Zunahme an antisemitischen Straftaten von Beleidigungen bis hin zum geplanten Amoklauf von Halle zeigen, scheint Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig zu werden. Dagegen wollen wir die Stimme zu erheben und uns für unsere jüdischen Schwestern und Brüder einzusetzen. Denn wir alle sind angewiesen auf Gottes Gnade und seinen Frieden. Amen.


Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe