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15.11.2020

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen


Wir sehen einen Feigenbaum. Welche Chance hat er?

Er ist noch jung. Die Erde, die wir sehen, verspricht kein einfaches Wachsen und Gedeihen. Vielleicht gibt es für ihn eine Chance. Mit Glück, Fürsorge und Regen vielleicht seine letzte Chance.

Das ist deine letzte Chance, dann ist aber wirklich Schluss. So manches Kind sucht in seiner Entwicklung diesen einen Punkt. Bis wohin kann ich gehen und wo ist dann wirklich die Grenze? Für Eltern ist dies eine anstrengende Phase, die an die eigenen Grenzen gehen kann. Für die Kinder aber ist dieses Lernen wichtig. Und für uns als Gottes Kinder? Wann ist bei Gott die Grenze erreicht?

Wie einen liebevollen Vater, so scheint mir Jesus im Gleichnis vom Feigenbaum den Weingärtner darzustellen:

Ich lese aus dem Evangelium des Lukas, Kapitel 13, die Verse 6-9
„Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. 7Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?
Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.“

Drei Jahre brachte der Baum keine Frucht. Und dennoch soll er nun noch eine letzte Schonfrist bekommen. Keine bedrohliche oder niederdrückende letzte Chance, sondern eine Schonfrist mit der besten Unterstützung, die er bekommen kann: Die Aufmerksamkeit des Weingärtners, der ihn düngt und um ihn herum gräbt.

Solche Menschen kenne ich auch: Diese, die niemals aufgeben. Diese, die anderen immer noch eine Chance geben. Mich hat es meist noch einmal angespornt, diese letzte Chance zu nutzen. Ein Baum weiß nichts von dieser Chance. Aber vielleicht bekommt er durch das bisschen mehr Aufmerksamkeit gerade den bisher fehlenden Anschub, um endlich zu erblühen. Und wenn ich mir den Feigenbaum auf dem Bild ansehe, dann ist es in meinen Augen schon eine besondere Leistung, dass er überhaupt gewachsen ist – dort, zwischen Steinen und Staub, fernab von guter Bewässerung oder Düngung. Auch hat er einige Blätter hervorgebracht. Davon erzählt das Gleichnis jedoch nichts. Es geht allein um diesen Feigenbaum und seine Früchte. Nein, eigentlich geht es um die Galiläer und die Stadt Siloah, um ihre Schuld an ihrem Untergang. Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. Einen Vers vor unserem Text sagt Jesus: „Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Das schärft Jesus seinen Jüngern ein. Wenn der Baum auch mit dieser Schonfrist keine Frucht bringt, droht ihm die Axt.

Ist das Gleichnis also eine Drohung? Ich möchte es lieber als vielleicht letzte motivierende Unterstützung verstehen. Aber was fehlt mir denn eigentlich, um aufzublühen und Frucht zu bringen? Welche Unterstützung und Ermutigung brauche ich, um mich neu auszurichten?

Für mich gehört in erster Linie Gottes liebevoller Blick auf mein Leben dazu. Er sieht und kennt die Umstände, unter denen ich wachse. Er weiß, was ich brauche und was mich hindert. Und er gibt mich so schnell nicht auf. Und als Zweites: Zu wissen, dass ich alles Notwendige in mir trage, ja geschenkt be-komme. Dass meine Vergangenheit hier nicht entscheidend ist, sondern die Frage, wie ich diese eine letzte Chance nun nutze. Gott geht es um die Zu-kunft. Für sie schenkt Gott mir alle Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten und auch zu verändern. Die Aussicht auf ein blühendes Leben motiviert mich persönlich mehr als die drohende Axt am Ende. Vielleicht aber werde ich auch die einmal brauchen.

Ich glaube: Gott gibt mich auch dann nicht auf, wenn ich seine Hinweise nach langer Zeit noch immer nicht verstanden habe. Er lässt mich auch dann nicht fallen, wenn ich immer wieder die gleichen Fehler mache. Gerade dann, wenn ich in einer „fruchtlosen Phase“ feststecke, umsorgt und unterstützt er mich noch einmal mehr. Das sollte mich ermutigen und anspornen, eben weil Gottes Liebe keine Grenzen kennt.

Sie kennen wohl auch die Situationen, in denen nichts mehr zu gehen scheint. Keine Hoffnung, keine Aussicht auf Verbesserung einer Krisensituation. Und doch – von irgendwoher kommt ein Lichtblick, ein kleiner Anstoß, um sich aufzuraffen, eine Perspektive für ein Weiter zu sehen. Oft ganz gering, als kleiner Schritt. Und wie oft waren es andere Menschen, die uns diesen Anstoß geben konnten. Mit Zurückhaltung – ohne Drängen, die uns zeigten, wie wir aus unserer Lethargie herauskommen und in unserem Chaos ein kleines Pack-ende finden können. 
Ich glaube, dass bei diesen Chancen, die wir bekommen, Gottes Geist mit seiner liebevollen und stärkenden Kraft ganz nah ist. Gott gibt uns nicht auf – niemals. Gott gibt uns eine Chance – immer.
Amen
Und der Friede Gottes, der größer ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.    Amen