LESEPREDIGT zum Sonntag Estomihi

14. Februar 2021

Predigttext: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.” 
Jesaja 58, 7.8.

Das Brot liegt auf dem Esstisch. Es ist noch warm. Es duftet. Er nimmt es in seine linke Hand. Mit dem großen Messer schneidet er ein kräftiges Stück ab. Nun bestreicht er die Brotschnitte mit Butter und beißt kräftig hinein. Er kaut. Lecker! Frischgebackenes Brot ist ein Genuss. Ein Frühstück ohne frisches Brot - für viele undenkbar. Wer Hungerzeiten und Kriegszeiten mitgemacht hat, weiß vielleicht sogar das tägliche Brot noch ganz anders zu schätzen – nicht nur als Genuss, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als „Überlebensmittel.“
Im Buch Jesaja fordert Gott auf, das Brot zu teilen. „Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen.” 

Wenn ihr das tut, dann werdet ihr „heil“. Schaut auf die Menschen um euch und lebt Gerechtigkeit.
Gott geht es nicht darum, dass wir ihm einen Gefallen tun. Er will mehr. Er will unser Heil. Und das kommt nicht dadurch zustande, dass wir wohl einzelne, isolierte „gute Taten” tun aber gleichzeitig unberührt und unverändert die Alten bleiben - und es auch bleiben wollen.

Wir sollen hören und sehen, was „Not-wendig” ist, was das Leben, was die Liebe fordert - und es dann auch tun. Wir sollen Gott und den Nächsten unser Herz finden lassen! Das ist das Medikament, das ist die Therapie, um heil und lebendig zu werden.  Nur wenn Unrecht überwunden wird von Grund auf, von der Wurzel her, kann die Heilung einsetzen.

„Brich mit dem Hungrigen dein Brot.“ Nimm den anderen in den Blick. Im Judentum hat Brot eine unschätzbare Bedeutung im Zusammenhang einer Mahlzeit. Der Genuss von Brot während einer Mahlzeit ist die entscheidende Bedingung dafür, dass am Ende der Mahlzeit ein Segenswort gesprochen wird. Denn wenn man etwas isst, ohne dabei Brot zu sich zu nehmen, wird das nicht als Mahlzeit im Vollsinne angesehen. Aber wenn man zusammen mit anderen Brot isst, dann spricht man laut den Tischsegen. „Brich mit dem Hungrigen dein Brot“ bedeutet, habe mit dem Hungrigen Gemeinschaft, lebe mit ihm in der Tischgemeinschaft vor Gott.

Gott fordert auf, das Brot zu teilen, Obdach zu schenken, Nackte zu kleiden. Das, wovon der Text spricht meinte er damals wortwörtlich. Als dieses Wort um 530 vor Christus gesagt wurde lag Jerusalem noch in Trümmern. Nicht alle Rückkehrer aus der Babylonischen Gefangenschaft hatten ein Dach über dem Kopf. Da waren noch nicht alle Felder wieder urbar gemacht und bestellt worden. Viele Menschen besaßen nur das, was sie am Leibe trugen. Hier fordert Gott zum Teilen auf. 

Mich erinnert das sehr an die Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Die einen, weil sie verfolgt werden. Sie können nicht mehr sicher in ihrer Heimat leben. Sie fliehen aus Angst, ins Gefängnis geworfen und gefoltert oder gar getötet zu werden.

Und auch die anderen Flüchtlinge die kommen, weil sie in ihrem Land keine Lebensperspektive haben. Sie wollen in das reiche Europa. 
Brich mit den Hungrigen dein Brot. Kann ich das so wortwörtlich tun? Wie können wir Menschen helfen, in ihrem Land eine Lebensperspektive zu finden. 

Wo können wir das Wort Gottes umsetzen? Ich denke an die Kindernothilfe, eine Organisation, die durch Patenschaften vor allem Kindern in der sogenannten 3. Welt hilft. Nicht um sie in ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber uns zu bringen, sondern um ihnen zu ermöglichen, mittelfristig selbständig ihr Leben zu gestalten und aus dem Teufelskreis der Armut herauszubrechen. Dass sie sich dort, wo sie leben ein Leben aufbauen, was auch auf die ganze Familie ausstrahlt. Für gut einen Euro am Tag bekommt ein Mensch alles, was er zum Leben braucht: Schulbildung, Essen, Kleidung, Obdach und später eine Ausbildung, um sich und seine Familie zu ernähren. Gut ein Euro am Tag rettet einen Menschen. Und von den Geldern, die in einzelne Dorfprojekte investiert werden profitiert ein ganzes Dorf. 

Ich denke an amnesty international. In dieser Organisation arbeiten Menschen mit, die Unrecht beim Namen nennen, die mit dem Schreiben von Briefen und kleinen Aktionen einen wichtigen Mosaikstein für Gerechtigkeit in der Welt legen.

Ich denke an das Kaufhaus der Diakonie in Duisburg, an die Duisburger Tafel, die Menschen bei uns vor Ort unterstützt, da bei vielen Menschen auch hier das Geld nicht reicht. 

Ich denke an die Vielen, die sich einsetzen, damit es besser wird mit uns und dieser Welt. Oft tun sie das ehrenamtlich.

Ich denke an die Hungrigen bei uns, die nach jemandem hungern, der ihnen in ihrer Einsamkeit zuhört, und sei es nur für eine halbe Stunde. Ich denke an die, die einen Ort suchen, an dem sie heimisch werden können. Unsere Gemeinde kann so ein Ort sein. 

Ich spreche nicht von spektakulären Aktionen, sondern von etwas, was jedem und jeder von uns möglich ist. Gott überfordert uns nicht. Wir setzen mit unserem kleinen Tun Zeichen der Hoffnung gegen die Not in dieser Welt. „Der Tropfen auf dem heißen Stein, der kann der Anfang eines Regens sein. Er kann der Anfang neuen Lebens sein“, so heißt es in einem Lied. Die noch so kleine Tat ist gesegnet.

Wer den anderen in den Blick nimmt, der steht unter Gottes Verheißung. Mit vielen Bildern beschreibt Jesaja Gottes Verheißung: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen; dann wirst du heil. 

Dann bricht etwas auf, was Jesus im Neuen Testament mit „Reich Gottes“ beschreibt. Du Mensch trittst in diese göttliche Wirklichkeit ein, wenn du nach Gottes Willen fragst und seinen Weg gehst. Wir leben im Einzugsbereich der anbrechenden Gottesherrschaft, und wo wir seiner Weisung folgen, sind wir unterwegs. Wo wir Barmherzigkeit üben, erfahren wir Barmherzigkeit. Gott traut uns zu, etwas zu verändern. Wir können das Brot brechen. Jeder kann etwas tun, und sei es noch so gering. 

Und wir tun es, weil wir von Gott beschenkte sind. Weil wir dankbar für das sind, was Gott uns schenkt, obwohl wir auch dafür arbeiten mussten. Wir sind dankbar für unser Leben, so wie es ist, auch wenn wir manche Schramme, manche Einschränkung, manche Blessuren abbekommen haben. 

Wir sind dankbar für die Freunde, die wir haben, für alle, die es gut mit uns meinen. Wir sind dankbar für den Lebenspartner, obwohl es manchmal auch ganz schön schwierig war und ist. 

Wir sind dankbar für Essen und Trinken, Frieden, Heimat, Wärme und Schutz, obwohl es keineswegs schon bis zum Lebensende gesichert ist. 

Wir merken, wieviel in unserem Leben nicht in unseren, sondern in Gottes guten Händen liegt. Jetzt in der Coronapandemie wo so vieles anders ist, wird uns das ganz besonders bewusst.

„Brich mit dem Hungrigen dein Brot.“ Gott zeigt uns, wie ein heiler und segensreicher Umgang mit dem, was wir haben und können, aussieht. Von der Not der andern das Herz finden zu lassen, darum geht es. So setzen wir Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt. Unser Tun wird gesegnet sein. Amen.
     
Ernst Schmidt