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13. September 2020

Lukas 19, 1-10: Die Geschichte vom Zöllner Zachäus

Liebe Gemeinde,
„Zachäus“ hieß er, der Reine, der Gerechte. Das bedeutete sein Name. Die Leute sprachen diesen Namen voller Verachtung aus. Sie mieden ihn. Sie wechselten die Straßenseite, wenn er kam. Er war einer, der mit den verhassten Römern gemeinsame Sache machte, ein Unreiner. Von den Römern hatte er das Zollhaus gepachtet und auch das Recht, Zölle zu nehmen. So war Zachäus reich geworden, ja sogar der Oberste der Zöllner. Er konnte ein sorgenfreies Leben führen. Aber für die Juden war er ein Außenseiter. 

Die Leute sahen auf ihn herab, und das auch im wörtlichen Sinn, denn Zachäus war ein kleiner Mann. Was treibt einen Menschen dazu, mit dem Besatzer gemeinsame Sache zu machen, wie verschlägt es einen auf die falsche Seite? Gier nach Geld? Oder die Rache des kleinen Mannes, den jeder übersieht? Außenseiter kennen wir auch. 

In der Schule gab es die Außenseiter z.B. den Paul, der immer alles besser konnte und besser wusste – dabei wusste er gar nichts.

Wenn die anderen ihn nicht genügend beachteten, dann nahm er ihnen die Sachen weg oder er trat sie, aber hintenherum. Paul war ein Widerling.  

So Leute wie den Zachäus kennen wir alle: Da ist der aalglatte Politiker der seine Fehler schönredet. Der Berufskollege, der die Idee der anderen als seine eigene ausgibt oder die Rentnerin, die an allem herumnörgelt und alle Verwandten vergrault hat. 

Und da ist Zachäus. Für die frommen Juden ist er ein Außenseiter. Er muss nicht unbedingt einsam gewesen sein, so wie man das oft im Kindergottesdienst hörte. Da waren ja noch die anderen Zöllner, da waren die Kontakte zu den Römern und nicht alle in Israel waren fromme Juden.

Ich glaube nicht, dass er einsam war, aber ich glaube, wenn er so auf da Leben im Reichtum schaute, dass er spürte, das kann noch nicht alles im Leben sein. Das kann noch nicht alles im Leben gewesen sein. Manchmal hält man Rückschau auf das eigene Leben – gerne an Geburtstagen oder zur Jahreswende oderbeim Blick auf alte Fotografien. Man ist erstaunt, dass aus den einzelnen Lebensjahren eine Lebensgeschichte geworden ist. Ist man glücklich? Ist das Leben, das man führt gut so? Hat man noch Träume? Was hält mich in meinem Leben und gibt mir Kraft? Bei so einer Rückschau kann es vorkommen, dass man einerseits erstaunt ist, wie viel man erreicht hat, und trotzdem kann einem das Leben leer vorkommen.

Nun kam Jesus nach Jericho und Zachäus wollte ihn sehen. Er hatte von ihm gehört und offenbar war in ihm etwas erwacht, etwas, das nur darauf wartete ans Licht zu kommen. Zachäus wollte diesen Rabbi kennen lernen, ihn zu hören. Ob er frohe Botschaft für sein Leben bereithält? 

Zachäus schloss sein Zollhaus und machte sich auf den Weg. Es waren viele, die Jesus sehen wollten, denn er hatte doch kurz zuvor einen Blinden vor den Toren Jerichos geheilt. Das Volk stand dicht an dicht am Wegrand. Für ihn war da kein Platz. Und ihm, dem Zöllner hätte auch keiner Platz gemacht.

Sollte Zachäus einfach wieder zurück in sein Zollhaus gehen. Nein! Zachäus eilte voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum. Das hat der Evangelist Lukas schön bedacht, denn in der Bibel steht der Feigenbaum für Israel; er ist der Baum den Gott in den Weinberg der Welt pflanzte, in der Hoffnung, an ihm würden schöne Früchte reifen. Zachäus kletterte nach oben. 

In diesem Zöllner muss noch jemand ganz anderes gesteckt haben als der Geschäftsmann, der für Geld seine Seele und Seligkeit verkaufte; irgendwo wusste er, dass ihn sein Besitz nicht reicher, sondern ärmer machte. So saß Zachäus einem Jungen gleich in diesem Baum.

Nun zog Jesus vorbei. So wie Zachäus wusste, dass er bei Jesus sein musste, wusste Jesus, dass er bei Zachäus sein musste. Als erwarte er viel von ihm, sah Jesus den Zachäus, diese seltsame Frucht in diesem Maulbeerfeigenbaum, und er fühlte, dass sich in diesem Mann etwas nach „Reinheit“ sehnte. Das war an der Weise zu hören, wie Jesus seinen Namen aussprach: „Zachäus, Zachäus steig schnell herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 

So musste es geschehen, denn Jesus sah es als seine Berufung, das Verlorene zu suchen, die Großen klein, die Kleinen groß zu machen. „Komm herunter, ich muss in deinem Haus einkehren.“ 

„Zachäus stieg schnell herab und nahm Jesus auf mit Freuden.“ Als die anderen Menschen das sahen, murrten sie alle und sprachen: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“

Hier ist die Geschichte vom Zachäus in den vielen Kindergottesdiensten „weichgespült“ worden. Denn meist wird der Zachäus als positive Figur dargestellt, während die Menschen, unter denen sich auch Pharisäer befanden negativ dargestellt werden. Hinzu kommt, dass Kinder sich mit dem „kleinen Mann“ gut identifizieren, da sie ja auch selbst die Kleinen sind, die manchmal auch nicht von den anderen durchgelassen werden.

Wir verstehen das Verhalten Jesu leicht, wenn es sich bei Zachäus um einen reichen Oberzöllner handelt, aber diese Einsicht schwindet rasant, wenn der Oberzöllner unter uns ist, vielleicht ein betrügerischer Kapitalist, ein Krimineller, ein aggressiver Demonstrant, ein Waffenhändler, der die Waffen überall hin exportiert. Dann wird das schon anders. Ich zumindest möchte mich nicht unbedingt mit jedem an einen Tisch setzen. Es gibt Menschen, mit denen möchten wir nicht unbedingt Umgang haben. Wer setzt sich schon zu so einem Zachäus.

Jesus tut das! Dabei war für die Juden seiner Zeit Tischgemeinschaft nicht eine unverbindliche Höflichkeit, sondern Ausdruck enger Verbundenheit, also Ausdruck von Solidarität. Tischgemeinschaft soll auch für uns mit dem Waffenproduzenten oder dem Kriminellen gelten, oder mit so Widerlingen wie Paul? Wir merken: So harmlos ist die Geschichte also nicht, denn wenn sie erzählt wird, fordert sie uns heraus, in der Nachfolge Jesu ebenso zu handeln. Jesus ist auch mit den Widerlingen solidarisch. Seine Liebe gilt allen Menschen. Das heißt jedoch nicht, dass er das Tun und Verhalten der Menschen gutheißt.

Er begegnet den Menschen in bedingungsloser Offenheit. Er begegnet Menschen in dem Bewusstsein gegenseitiger Zusammengehörigkeit aller Kinder Gottes. „Auch dieser Oberzöllner Zachäus ist Abrahams Sohn“, sagt Jesus. Auch er gehört zu dem auserwählten Volk Israel. Auch er ist Gottes Kind - selbst wenn er sein Leben nicht so führt, wie es den Geboten Gottes entspricht, denn das Zöllner-Sein war mit den mosaischen Geboten nicht vereinbar. Andererseits bezieht Jesus eindeutig Stellung gegen das, was eben diesem Zusammenleben widerspricht.

Ich denke an die Geschichte, wo die Ehebrecherin zu Jesus geschleppt wird, und Jesus gefragt wird, ob man sie steinigen soll, da ja die mosaischen Gesetze das fordern. Daraufhin sagt Jesus: „Wer noch nie gesündigt hat, der werfe den ersten Stein.“ Und alle Ankläger gehen weg. Und was tut Jesus? Er heißt nicht das Verhalten der Frau als gut.  Sondern er sagt: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr…“

Jesus lebt in unbedingter Solidarität mit dem Menschen, denn sie sind alle Kinder Gottes. Aber er nimmt eindeutig Stellung gegen das, was eben diesem Zusammenleben widerspricht. Es geht ihm darum, den anderen als „Nächsten“ zu sehen, als potentiell „Heilen“ als Änderungsfähigen.

Die Geschichte vom Zachäus wird damit zu unserer Geschichte. Sie fordert uns als Zachäusse auf, Jesus zu suchen, ihn und seine Botschaft kennenzulernen. Im Alten Testament spricht Gott: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen.“ Das ist Verheißung Gottes. Und Jesus fügt hinzu: „Heute muss ich in deinem Hause einkehren.“ Einladung zur Tischgemeinschaft, zur Gemeinschaft untereinander, zur Gemeinschaft mit ihm. Andererseits fordert die Geschichte uns auf, in der Nachfolge Jesu auch den anderen zu suchen. Wenn Zachäus Sohn Abrahams ist, der ja als Vaters der Glaubenden bezeichnet wird, dann ist er der Bruder all derer, die in der Geschichte um ihn herumstehen und murren. Denn er ist Kind Gottes, wie wir. 

Auf eins muss ich noch zu sprechen kommen. Die Geschichte geht ja noch weiter: Als Jesus bei Zachäus eingekehrt war und sie beide essend und trinkend am Tisch saßen sprach Zachäus: „Siehe Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ 

Vielleicht erzählt Lukas hier etwas in Kurzform, was in Wirklichkeit ein langer Prozess gewesen ist. Vielleicht war es auch wirklich ein plötzlicher Wandel im Leben des Zachäus. Man weiß es nicht. 

Indem Jesus diesen Zachäus spüren ließ, dass er angenommen ist, veränderte sich das Leben des Zachäus. Er nahm - mit Freuden sogar - Abstand von Geld und Gut und all dem, auf das er sein Leben vorher aufgebaut hatte, denn sein Leben hing nicht mehr davon ab. Er versuchte, dem Willen Gottes zu entsprechen. In dem Moment, wo er das tat, ereignete sich Reich Gottes: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, so sagt es Jesus. 

In dem Moment, wo wir, und sei es in noch so kleinen Schritten, dem Willen Gottes folgen ereignet sich Reich Gottes, die Erfahrung von Befreiung, die Erfahrung neuen, erfüllten Lebens. Ob es uns gelingt? Amen. 

Ernst Schmidt