Lesepredigt zum Mitnehmen
11. Oktober 2020
„Gottes Wort in Herz und Mund“
Predigttext: Deuteronomium 30,11-14


Liebe Gemeinde,
Donald Trump kann sich gut inszenieren, wie wir in der letzten Woche bei der Entlassung Trumps aus dem Krankhaus und der Rückkehr ins Weiße Haus im Fernsehen sehen konnten. Aber auch die Bibel weiß Wichtiges gut in Szene zu setzen. So hält Mose nach 40 Jahren Wüstenwanderung mit Blick auf das verheißene, das gelobte Land seine Abschiedsrede, in der er noch einmal zusammenfasst, was im Verhältnis zwischen Gott und seinem erwählten Volk wichtig ist. Ein wirklich entscheidender Moment in der Geschichte des Volkes Israel: Ein völliger Neubeginn, der dem Volk Israel die Chance bietet, eine Gesellschaft neu zu prägen. Mose benennt in seiner Rede nicht nur seinen Nachfolger, sondern erinnert auch noch einmal an Gottes Gebote, die in der neuen und ungewohnten Situation Halt und Sicherheit geben können. 

Unser Predigttext steht am Ende der Rede des Mose, ist also eine Zusammenfassung. Voraussetzung und Grundlegung für diese Worte ist Gottes Bundesschluss mit dem Volk Israel am Sinai. Gott schließt seinen Bund mit den Menschen, durch diesen Bund werden die Menschen zu Kindern Gottes. Ihnen wendet er sich in Liebe zu, verheißt ihnen Segen und Beistand. Im Gegenzug erwartet er Vertrauen, Glauben und ein Leben, das den Geboten des Bundes entspricht. Das klingt nach Herausforderung, doch hören wir selbst. Ich lese aus Deuteronomium 30, die Verse 11-14:

„Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Was mir sofort beim Lesen dieser Sätze des Moses auffällt: Mose ist es wichtig, dass diese Gebote Gottes von jedem und jeder zu verstehen und umzusetzen sind. Das Halten der Gebote Gottes erfordert keine unmöglichen Dinge von den Menschen, sondern Gottes Worte sind klar und einfach.

Denn die Worte Gottes, so formuliert Mose, diese Worte Gottes sind dir nah, sie sind in deinem Mund und in deinem Herz. Somit ist der Erfüllung der Gebote einfach, da sie einen Teil unseres Lebens bilden. Wenn wir Gottes Worte und seine Liebe zu uns verinnerlichen, dann sind sie ganz einfach zu befolgen. Doch da stellt sich die Frage: Was sind denn nun diese Worte Gottes, die uns nah sind? Man kann alle Gebote kurz zusammenfassen im sogenannten Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott von ganzem Herzen, das ist das erste Liebesgebot. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist das zweite Liebesgebot. Wenn ich also Gott und meinen Nächsten von ganzem Herzen liebe, dann erfülle ich Gottes Willen. So klar, so einfach!

Doch die Nächstenliebe kann uns schon mal hin oder wieder ziemlich herausfordern. Auch im karrierebewussten Kollegen oder in der neugierigen Nachbarin, in der unfreundlichen Verkäuferin oder im nervigen Klassenkameraden den Nächsten zu entdecken und ihn zu lieben, d.h. freundlich auf ihn zu schauen und wertschätzend mit ihm umzugehen, das fällt uns bei allem Bemühen immer mal wieder schwer. Und auch Gott mit ganzem Herzen zu lieben, kann uns durchaus herausfordern: denn im Trubel des Alltags, in den schwierigen Zeiten des Zweifels oder in atheistischer Umgebung den Kontakt zu Gott zu suchen, ist immer wieder eine Herausforderung. Und doch: sowohl die Gottesliebe als auch die Nächstenliebe sollen wir mit Überzeugung in Wort und Tat, mit Herz und Mund umsetzen. 

Da ist es gut, dass Gott extrem fehlerfreundlich uns Menschen gegenüber ist – auch das ein Kennzeichen seines Bundes mit uns. Denn Gott weiß um unsere Fehler und Schwächen, unser Versagen und Schweigen, Gott weiß um unser Menschsein. Deswegen versichert er uns immer wieder seiner Liebe und seines Beistandes. Niemals wird von seiner Seite dieser Bund aufgekündigt, niemals uns seine Liebe entzogen – Gott ist die Konstante in unserem Leben, die Unterstützung auf dem Weg durchs Leben. 

Diese Erfahrung von Gott als konstantem Begleiter macht das Volk Israel immer wieder: beim jahrelangen Weg durch die Wüste führt Gott das Volk sichtbar – als Wolken- oder als Feuersäule. Gott hilft zu überleben in einer lebensgefährdenden Wüstenlandschaft, er schenkt Wasser und Brot. Und auch wir können solche Zeichen von Gottes Begleitung und Unterstützung in unserem Leben erkennen: eine Trauerphase, nach der wieder Leben und Lachen möglich ist, einen Unfall, der vermieden werden konnte, eine Prüfung, die gut bestanden wurde, eine Krankheit, die überwunden wird. Ja, alles kann Zufall sein. Aber als Christin, als Christ glaube ich, dass Gott da ist und mir Kraft und Hilfe zukommen lässt, wenn ich es brauche.

Diese Abschiedsworte des Mose wurde Israel immer wieder wichtig. Zum Beispiel als viele der Gefangenen, die nach Babylon verschleppt wurde, wieder zurück nach Israel kamen, erinnerten sich die Menschen an Gottes Gebote und seinen Beistand. Das Land Israel lag nach den babylonischen Kriegen immer noch darnieder, die Menschen waren desillusioniert, verunsichert und niedergeschlagen. In solcher Situation die Worte des Mose zu lesen und sich erinnern, dass Gott immer da ist und eine besondere Verbindung zu den Israeliten hat, das tat gut und machte Mut. Angesichts von Moses‘ Abschiedsrede konnten sich die Menschen vergewissern, dass Gott Israel nicht vergessen hat, sondern immer da ist mit seinem Beistand und seiner Hilfe. So entstand Hoffnung und Gemeinschaft unter den Menschen. Und so konnte Neues entstehen.  

Und wenn ich Nachrichten höre oder Zeitung lesen, dann merke ich, dass auch wir hier in Deutschland verunsichert und ängstlich sind, angesichts eines Virus, das viel von dem, was uns wichtig ist, schwer bis unmöglich macht: Persönliche Treffen und Besuche mit Familien und Freunden, ja, selbst Urlaubsreisen werden schwieriger, da man immer erst vorher überlegen muss, wie man einander begegnen kann: mit Maske oder ohne, mit Umarmung oder lieber nur aus der Entfernung winken. Gottesdienst ohne gemeinsamen Gemeindegesang und anschließendes Kaffeetrinken, Gruppentreffen mit Masken und 1,5 Meter Abstand, Beerdigungen mit Personenobergrenzen, Chorproben mit Minimalbesetzung und Abstand machen uns das Leben als christliche Gemeinde schwer. Und wir wissen nicht, ob sich irgendwann wieder alles zurückdrehen lässt, ob Sonntagsgottesdienste und Chorproben wieder zu Treffpunkten werden können und wir uns frei und ohne Bedenken die Hände wieder schütteln können. Es sind unsichere Zeiten, in denen sich Menschen in Verschwörungstheorien flüchten, um sich das Unerklärliche und Unbequeme wegzudenken. Es sind unsichere Zeiten, denn wir wissen nicht, ob sich der menschgemachte Klimawandel wieder stoppen oder zurückdrehen lässt. Es sind unsichere Zeiten, denn wir können nicht abwägen, wie die Aufnahme von Flüchtigen unsere politische Landschaft verändern wird.

Unsichere Zeiten damals und heute und zuversichtliche Worte, die auch nach mehreren tausend Jahren ihre Zuversicht und ihre Bedeutung nicht verlieren: auch uns heute, jetzt und hier, macht Mose Mut, wenn er versichert, dass Gott da ist, an unserer Seite. Und dass Gottes Wort in Taten umzusetzen, einfach ist, wenn wir Gottes Liebe und die Liebe zum Nächsten verinnerlicht haben. „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Und Möglichkeiten, Gottes Wort Taten folgen zu lassen, bieten sich in unserem Alltag mehr als genug. Ich bin sicher, dass Sie da schon Ideen haben.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe