LESEPREDIGT zum 1. Sonntag nach Epiphanias

10. Januar 2021
Predigttext: Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte schauen wir das Licht. Psalm 36, 10


Liebe Gemeinde,
die Coronapandemie beschäftigt und belastet uns auch im neuen Jahr. Der Lockdown wird verlängert und sogar noch verschärft.
In diesen Tagen wird in den Medien diskutiert, ob wir Menschen mit einer anderen Vorplanung hätten schneller geimpft werden können. Die Reisebranche wird mit Milliardenhilfen unterstützt, während die Förderung des Bildungsbereichs hinterherhinkt und der Kulturbereich in Teilen kaputt zu gehen droht. Künstler, Friseure, Einzelhändler und viele andere kämpfen um ihre Existenz. In den Duisburger Kirchengemeinden feiern wir keine Präsenzgottesdienste, was wirklich bitter ist. Das Feiern von Gottesdiensten gehört zu unserem Glaubensleben existenziell dazu. Es braucht die Vergewisserung, Stärkung und Tröstung gerade jetzt in schwieriger Zeit. Schulen und Kindergärten bleiben weitgehend geschlossen. Viele Eltern stellt das vor große Probleme, da sie im Homeoffice oder auswärts arbeiten und nun schauen müssen, wie sie Beruf und Familie auf engem Raum zusammenbekommen.

Andere sorgen sich um den Verlust des Arbeitsplatzes. Mitarbeiter in Krankenhäusern und Altenheimen drohen unter der hohen, dauernden Belastung zu erkranken. In manchen Familien liegen die Nerven blank. Nicht nur ältere oder alleinstehende Menschen leiden unter Einsamkeit.

Dazu kommt dann die Wut über die, die sich nicht an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie halten und gehalten haben und damit die Situation für alle verschärfen. So haben die trüben Januartage, die wir momentan verleben, etwas Dumpfes.

Wie anders klingen da die Worte des 36. Psalms. Er ist ein Loblied auf die Gnade Gottes. In schönen Bildern schildert der Beter, wie gut es ihm bei Gott ergangen ist.

So spricht der Psalmbeter zu Gott: “Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte schauen wir das Licht.“

Wie klares Wasser, das aus dem Boden strömt, erfrischend und lebensnotwendig, und wie helles Licht, so ist Gott. Der Beter des Psalms wünscht allen Menschen, dass sie das erkennen können.

Wer Licht scheut ist uns nicht geheuer. Man spricht von „dunklen Gestalten”, wenn man von Menschen spricht, die gefährlich aussehen, oder einem gefährlich werden können. Dunkelheit hat etwas Negatives.

Von Dunkelheit im übertragenen Sinne spricht man, wenn unser Leben in Krisen hineinkommt. Wenn die Sorgen groß werden. Wenn die dunkle Angst uns überfällt oder wenn eine Krankheit einfach nicht verschwinden will.

Dunkel erscheint uns unser Leben, wo wir keinen Sinn im Leben sehen, wenn die Fragen unbeantwortet bleiben, warum und wofür wir eigentlich leben.

Von Dunkelheit sprechen wir im Miteinander, wenn man dem anderen nicht vertrauen kann. Dann ist die Beziehung verdunkelt.

Menschen mit depressiven Verstimmungen vergleichen ihr Gefühl mit einem „Loch“, in das sie hineinzufallen drohen oder sprechen von einer dumpfen, trostlosen dunkelgrauen oder schwarzen Leere.

Wie bannen wir die lebensfeindliche Dunkelheit? Der Psalmist sagt: „In deinem Licht, schauen wir das Licht.“ In deinem Licht, Gott, schauen wir das Licht.

So wie allein eine brennende Kerze, die Dunkelheit schon deutlich beseitigt, so kann Gott auch unsere Dunkelheit beseitigen. 

Manchmal können wir das als etwas zutiefst Befreiendes erleben: Wenn nach einem langen Streit plötzlich Versöhnung und Vergebung möglich ist, dann ist das als wenn einem die Sonne aufgeht. Da ändert sich mit Gottes Hilfe eine Situation grundlegend und das Leben bekommt wieder eine helle Leichtigkeit. 

In deinem Lichte, Gott, sehen wir das Licht. Wenn man nach langer Suche endlich wieder Arbeit findet, ist das wie ein aufgehendes Licht. 

Im Neuen Testament sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in der Finsternis.“ Das heißt dann doch, dass wir, wenn wir auf Jesus vertrauen und so leben, wie er es uns vorgelebt hat, im Lichte sein müssten. Stimmt das immer?

Müsste dann nicht für die Menschen, die auf Gott vertrauen alles hell und licht sein. Keine Sorgen, keine Probleme, keine Schwierigkeiten in den Familien, keine finanziellen Nöte, keine Einsamkeit....

Aber wenn ich mich so umgucke, stelle ich fest, auch bei Christenmenschen gibt es Sorgen, auch bei uns gibt es Schwierigkeiten in der Familie. Auch die, die Gott vertrauen trifft Krankheit und Leid. Und wenn in einer Firma die Menschen arbeitslos werden, dann stehen Christenmenschen genauso auf der Straße wie die anderen auch. Menschen die auf Gott vertrauen sind weit von einem Idealleben ohne Not entfernt. 

Es scheint jedoch noch eine andere Art von “Licht” im Leben zu geben. Das Licht, das uns von Gottes Liebe her anleuchtet. Es kann unser Leben erleuchten, wenn wir wissen: Gott ist auf meiner Seite und er wird mich nicht verlassen.

Menschen, die sich auf Gott einlassen, wissen sich als von Gott geliebte Menschen. Sie müssen sich ihren Wert nicht erst verdienen, sondern sie sind schon von Gott wertgeachtet. 
In deinem Lichte schauen wir das Licht.

Wenn sie krank werden, haben sie ein Gegenüber, einen Ort der Klage, an dem sie gehört werden. 
In deinem Lichte schauen wir das Licht. 

Auch die Sorgen sind nicht einfach weg, aber sie können die Erfahrung machen, dass sie Kraft bekommen, gegen die Sorgen anzugehen - für den einen Tag.
In deinem Lichte schauen wir das Licht.

Und auch schwierige verfahrene Situationen mit jemandem ändern sich, wenn man um Kraft zum Gespräch und den Mut zur Vergebung bittet. Befreiungserfahrungen sind möglich, wenn man den Mitmenschen - auch den, der uns zu tragen gibt - als von Gott geliebten Menschen sieht. 
In deinem Licht schauen wir das Licht.

Warum wir durch Schweres hindurch müssen, wissen wir nicht. Warum es so viel Dunkles, Leben verhinderndes in der Welt gibt? Ich weiß es nicht. Ob man an den Widerständen und Krisen wächst?! Oft ist das so.
In deinem Licht schauen wir das Licht.

Davon erzählt eine Geschichte: Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt.
Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?, fragte einer der Schüler.
Nein, sagte der Rabbi.
Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?, fragte ein anderer.
Nein, sagte der Rabbi. 
Aber wann ist es dann?, fragten die Schüler.
Der Rabbi antwortete. Es wird Tag, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und in ihm deinen Bruder oder deine Schwester erkennst.

Bei Gott ist die Quelle des Lebens. Gott, die echte Quelle des Lebens ist der Ort, wo wir nicht etwas hineinstecken müssen, sondern wo wir etwas bekommen. Zum Beispiel die Gewissheit, dass unser Leben eine Herkunft, einen Sinn und ein Ziel hat. Gott vertraut uns unser Leben an.

Möge Gott uns stärken in dieser schwierigen Zeit. Möge er uns einen langen Atem geben, um die kommenden Wochen und Monate zu überstehen und möge er uns immer wieder Zeiten schenken, wo das göttliche Licht unseren Alltag und unser Leben erhellt. Gott segne Sie. Amen. 
Ernst Schmidt