Lesepredigt zum Mitnehmen
7. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juli 2021

Jesaja 43,1+2: Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen.

Liebe Gemeinde, 
schon letzte Woche habe ich über diesen Text gepredigt, heute hat er durch die Ereignisse der letzten Woche ungeahnte Aktualität erfahren: Der zweite Vers lässt vor meinem inneren Auge die Bilder aus den Nachrichten aus Erft-stadt und Stolberg, Ahrweiler und Hagen auftauchen – Bilder und Nachrichten, die ich nie erwartet hätten, hier in Deutschland zu sehen. 

So eine Katastrophe macht fassungslos und sprachlos – und doch möchte ich hier an dieser Stelle bewusst nicht sprachlos bleiben. Denn im Leben sind wir immer wieder vor schwierige Situationen gestellt, die uns und unseren Glauben herausfordern und unser Vertrauen in Gott und seinen Beistand, seinen Willen zum Guten für uns und seine Gemeinde erschüttern.

In solche Krisenzeiten und -erfahrungen hinein sind viele biblische Trostworte gesprochen und so auch unser Predigttext. Deuterojesaja ist ein Prophet im 6. Jahrhundert vor Christus, ein Nachfolger des ursprünglichen Propheten Jesaja. Es war eine Krisenzeit: Das Volk Israel war von den Babyloniern besiegt worden, das Volk lag wirtschaftlich und emotional am Boden. Es fehlte an Hoffnung und Glaube. In diese Situation spricht der Prophet: Fürchte dich nicht! Und wahrscheinlich werden die Zeitgenossen Deuterojesajas ungläubig und verständnislos den Kopf geschüttelt haben. Denn die Zeit war zum Fürchten: das Volk litt Not – auch religiös, denn der Jerusalemer Tempel, der geografische Mittelpunkt des jüdischen Glaubens, war zerstört.

Fürchte dich nicht! – ein Satz gegen die Angst. Dieser Satz wird von Gott, seinen Engeln oder Prophet*innen gesprochen, wenn Menschen das Gewohnte verlassen und etwas Neues beginnen: Wenn Menschen Altes hinter sich lassen und in eine neue Heimat ziehen, wenn Propheten ihren Auftrag beginnen. Der Engel der Maria ihre Schwangerschaft und ihren Plan mit Gott verkündet, spricht: Fürchte dich nicht! 

Es ist ein Satz gegen die Angst vor Veränderung, für das Verlassen der Komfort-Zone. Dabei will ich Ängste gar nicht kleinreden, denn sie helfen uns zu überleben. Sie machen uns auf Gefahren aufmerksam, warnen uns und machen uns achtsam. Doch manchmal engen Ängste unser Leben ein, koppeln uns vom Leben und unseren Mitmenschen ab. Und da heißt es: mutig sein, sich trauen, die Angst überwinden. Gerade Kinder, aber nicht nur sie, benötigen viel Unterstützung und Mut, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Immer wieder im Leben müssen wir unsere Angst überwinden und mutig sein. Gott und seine Bot*innen machen Mut, die Veränderungen im Leben anzugehen. Nur so ist Entwicklung möglich. Gottes Trostwort macht uns Mut, dass wir uns auf den Weg machen.

„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst!“ Gottes Wort, ursprünglich zu seinem Volk gesprochen, erinnert hier an die Befreiung Israels aus ägyptischer Gefangenschaft. Und es klingt gleichzeitig die ganze, lange Geschichte mit, die Gott und Israel miteinander haben. Gott spricht zu Israel: Ich habe dich aus freien Stücken und ohne Vorleistung auserwählt und bin nun schon ein langes Stück Weg mit dir gemeinsam gegangen. Du kannst mir vertrauen!

Immer wieder hat Israel an Gott und an seiner eigenen Erwählung gezweifelt. Und immer wieder hat Gott gezeigt, dass er da ist für sein Volk. Immer wieder hat er Propheten geschickt, die dem Volk sagen sollten, dass Gott Israel für alle Zeiten erwählt hat und immer da ist – auch in den schweren Zeiten der Niederlage, der Unterdrückung, des Exils.

„Ich habe dich erlöst“, sagt Gott auch zu uns. In der Taufe sind wir hineingenommen in den Bund Gottes. In der Taufe verspricht Gott jeder und jedem seinen Segen und seine Begleitung durch das Leben – ohne dass ich oder Sie dafür etwas tun müssen. Gottes Liebe ist bedingungslos, sein Segen unermesslich. Es tut gut, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass Gott an unserer Seite ist, wie er es in unserer Taufe versprochen hat. Und dass er uns immer wieder eine neue Chance gibt, wenn wir mal einen Fehler machen oder eine Sünde begehen. Immer wieder ermöglicht uns Gott ein Leben ohne die Belastungen der Vergangenheit. Was für eine Erlösung!

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen! Dieser Satzteil berührt mich sehr, denn es macht mir deutlich, dass Gott jede und jeden individuell wahrnimmt und sieht. Denn unser Name macht uns als Person erkennbar. Ruft jemand Ulrike, drehe ich mich um und suche den Rufer/ die Ruferin. Denn dieser Ruf meint mich! Gott meint mich, Ulrike Kobbe. Er meint Sie, dich – jede und jeden. 

Dieser individuelle Blick auf die Einzelne, diese einzigartige Zuwendung Gottes zum Einzelnen macht mich/ macht Sie zu etwas Besonderem. Die Beziehung zwischen Gott und mir/ zwischen Gott und Ihnen ist einzigartig, nicht austauschbar und nicht übertragbar. 

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Du bist mein! Manchmal wird dieser letzte Satz auch so übersetzt: „Du gehörst zu mir!“ In diesem Satz klingt ein Besitzanspruch mit, der Angst machen kann – aber ich höre ihn als Verheißung und Versprechen: Egal, was mir im Leben widerfährt – ich weiß, Gott ist an meiner Seite! Egal, wie viele Zweifel ich an Gott und seiner Begleitung habe – ich kann sicher sein, dass Gott mich nicht verlässt! Egal, wie jung oder alt ich bin – ich kann darauf vertrauen, dass Gott mich immer und jederzeit begleitet. Mein Leben (Ihres natürlich auch) ist umfangen von Gott.

Gott umfasst unser Leben von Beginn bis Ende. Das schließt die Krisen des Lebens, die Erfahrung von Scheitern und die kleinen und großen Katastrophen mit ein. Denn wir wissen: die Taufe und Gottes Segen bewahren uns nicht davor, dass unser Leben in Krisen gerät, Schwierigkeiten, Hindernisse und Gefahren für Leib und Leben auftauchen, Krankheiten, Trauer, Verlust und Schmerz erlebt werden. Der biblische Text spricht hier von Wasser und Feuer, den Naturgewalten, deren zerstörerische Kraft immer wieder Leben zerstört. Gerade die Kraft des Wassers sehen wir auf den Bildern der Unwetterkatastrophe. Doch selbst in diesen Situationen, in denen Menschen in Gefahr geraten, ihr Hab und Gut verlieren, ist Gott an der Seite derer, die ihn brauchen. Er hält unsere Wut und Ohnmacht aus, er hört unsere Klagen und unser Schweigen. Er ist da.

In allen Situationen des Lebens ist Gott an unserer Seite, aber er kann Schlimmes und Leid nicht von uns fernhalten – auch wenn wir uns das wünschen. Taufe und Segen ist kein Schutzritus, aber ein Versprechen, dass Gott uns immer begleitet und in allen Höhen und Tiefen, allem Schweren und Schönen an unserer Seite ist und uns Kraft geben kann. Denn wir gehören zu ihm, jetzt und allezeit. 

Deswegen brauchen wir uns auf dem Weg durch das Leben nicht fürchten, sondern können mutig und entschlossen sein – darauf vertrauend, dass Gott immer an unserer Seite ist. Denn er sagt:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Ein wirklicher Trost und Mutmach-Spruch für uns alle, den wir gerade mehr als nötig haben! 

Ich wünsche Ihnen Zuversicht, 

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe