Lesepredigt am 2. Sonntag nach Ostern

Predigttext: Offenbarung 21, 1.4.5a

Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen gedenken wir der in den vergangenen Monaten an und mit Corona Verstorbenen: Es sind rund 80000 Menschen in Deutschland und rund 3 Millionen Menschen weltweit. Hinter jedem Einzelnen steht eine Lebensgeschichte. Die meisten der Verstorbenen waren alt und hatten auch schon Vorerkrankungen. Aber, so fragt man sich, musste es dann dieser Grippevirus sein, an dem sie starben?  

Wir wollen aber heute nicht nur an diese Menschen denken, sondern an alle, die in den vergangenen Monaten verstorben sind- auch ohne Corona Erkrankung. 

Viele konnten von diesen kaum oder gar nicht Abschied nehmen: Da war die Großmutter im Seniorenheim. Besuche waren lange Zeit nicht möglich. Das schmerzte. Ein Winken am offenen Fenster ist schön, ersetzt aber keinen Besuch. Sie starb nicht an Corona, sondern an dem, was man „Altersschwäche“ nennt. Die Angehörigen durften nicht dabei sein, als sie starb. Sie konnten sie nicht begleiten. Sie konnten sich nicht verabschieden, zumindest nicht so, wie man es unter „normalen“ Bedingungen getan hätte. Das tat weh. Das schmerzt immer noch.

Da war der Mann, der in so vielen Vereinen tätig war und nun verstarb. Er hatte sich eine schöne große Beerdigung gewünscht. Aber er verstarb in einer Zeit, als noch nicht einmal die Friedhofskapelle genutzt werden konnte. Eine kleine Schar von 10 Menschen traf sich zusammen mit dem Pfarrer bei Nieselregen am Grab. Das war so anders als es gedacht und gewollt war. An ein Beisammensein nach der Beerdigung war gar nicht zu denken. Alle Restaurants sind geschlossen und Versammlungen nicht erlaubt.

Da war die Frau, die so lange schwer erkrankt im Krankenhaus lag. Kein Besuch war möglich. Sie war alleine. Als es bei ihr zum Ende zuging, da wurde einzelnen Angehörigen erlaubt, sie kurz zu besuchen. Mit Mund-Nasen-Bedeckung stand man im Zimmer. „Aber bitte Abstand halten!“ Nein so sollte sie eigentlich nicht sterben.

Selbst die Namen derer, die in unserer Gemeinde verstorben sind, werden nicht sonntags zum gedenkenden Gebet im Gottesdienst verlesen, da wegen der hohen Inzidenzzahlen keine Gottesdienste gefeiert werden.

 „Könnte ich noch einmal deine Stimme hören, deine Haut berühren, sehen, wie sich deine Nasenflügel im Atmen bewegen, mein Herzklopfen möchte ich wieder spüren, wenn dein Blick sich mit dem meinen trifft. Ich würde vieles geben, wäre es noch einmal wie es war, eine Minute nur, eine Sekunde, einen Augenblick wenigstens,“ sagt die Frau, deren Mann verstarb.

 „Das ist nun schon einige Monate her“, sagt der Witwer, „aber die Welt ist immer noch schwarz-weiß. Seit dem Moment, an dem man mir sagte, dass sie tot ist, sehe ich keine Farben mehr.“

Viele von denen, die während der Pandemie einen Menschen verloren haben, begleiten solche oder ähnliche Gedanken. Es braucht noch Zeit, um zu trauern. Es braucht noch Zeit, um zu akzeptieren, dass der Abschied nicht so sein konnte, wie man es sich irgendwie gewünscht hätte.

Heute denken wir an all die Verstorbenen. Und wir vergewissern uns, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort hat Gott. Das ist die christliche Hoffnung.  

In der Bibel im Buch der Offenbarung heißt es im 21. Kapitel: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. … Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Diese Verse wurden für eine christliche Gemeinde geschrieben, die unter schwerer Verfolgung litt. Damals um 90 nach Christus mussten Christen damit rechnen, dass sie ihren Beruf oder ihren Besitz verloren, wenn sie nicht vor dem Standbild des Kaisers Domitian niederknieten und es anbeteten. Es drohte ihnen Gefängnis und manchmal so der Tod. Dieser schwierigen Zeit der Unterdrückung stellt der Text eine tröstliche Heilszeit gegenüber. Das Leid hier hat nicht das letzte Wort. Es kommt noch etwas Anderes. 

Es kommt noch etwas Anderes. Das Leid hat nicht das letzte Wort. Da ist von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Der Schauplatz der Ewigkeit bei Gott ist der neue Himmel und die neue Erde. Ohne Bedrohungen, denn das Meer, ein Bild für das Chaotische alles Bedrohende ist nicht mehr da. All das, was uns den Boden unter den Füßen wegzureißen droht, ist dann nicht mehr. Alle bedrohenden und quälenden Mächte sind vernichtet, keine Krankheit, kein Leiden, keine Friedhöfe mehr. Wir merken, wie schwer sich der Text tut, die Neuschöpfung zu beschreiben. Diese Zeit, von der er spricht ist ja so vollkommen anders. Deshalb spricht er davon in der Verneinung. Da ist kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz. Gegen das Versinken im Meer voller Trauer wird hier Gott gesetzt, der tröstet. Gegen Schmerz, Leid und Geschrei steht hier der Segen, Heil, das Mit-Sein-Gottes, seine beschenkende Gnade. 

Unsere Zeit, mit dem vielen Unverständlichen, Schwerem, mit Krankheit und Tod ist endlich. Das durch Jesus Christus eröffnete künftige Leben ist ewig. Das ist die christliche Hoffnung. Sie ist anders als die Hoffnung, dass wir in unseren Kindern weiterleben, oder dass das, was wir getan haben, unsere Werke, unsere Gedanken, als Mitgestaltung an der Welt erhalten bleiben. Sie ist anders als das, was die Physiker sagen, dass Masse und Energie erhalten bleiben. 

Unsere Hoffnung ist eine lebendige Hoffnung auf eine neue Welt bei Gott. 

Wie kommt man zu dieser Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode? 

Die Hoffnung liegt allein im Glauben im Vertrauen auf Gott und sein Wort, der da sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“ Diese Hoffnung bewahrt unsere Seele vor dem Austrocknen. Diese Hoffnung weiß, dass in jedem Atemzug eines Menschen Gottes Schöpferwort am Werk ist. Was Gott erschaffen und beseelt hat, das wird der Tod nicht vernichten können. 

„Siehe ich mache alles neu.“ Gott erhebt zum ersten Mal in dem Buch der Offenbarung seine Stimme. Es ist der Gott, der die Welt erschaffen hat und uns in Jesus Christus nahe gekommen ist. Unsere Hoffnung liegt allein in dem Glauben, in dem Vertrauen auf Gottes Wort, dass er zu seinem Wort steht und es hält. 

Dieses Vertrauen bleibt ein Wagnis. Denn wir sehen den neuen Himmel und die neue Erde noch nicht. Die Stimmen unserer Toten sind verstummt. Der Tod hat sie genommen. Die Augen sind geschlossen. Der Atem ist nicht mehr. Das ist schwer zu ertragen. 

Die Hoffnung aber, die Zukunft, die auf uns wartet, ist lebendiger denn je. „Siehe, ich mache alles neu!“ Das ist das Versprechen Gottes. Es strahlt schon jetzt in unsere Trauer hinein. Vielleicht auch in unsere Verbitterung und unseren Schmerz, weil in den vergangenen Monaten unter Corona Bedingungen nichts so sein konnte, wie wir es gewünscht hätten.

Es kommt noch etwas. Wir gehen auf ein Leben bei Gott zu. Möge Gott uns in diesen Tagen der Erinnerung trösten. Gott segne Sie. Amen.   

Ernst Schmidt