Lesepredigt zum Mitnehmen

Sonntag Trinitatis, 7. Juni 2020

Predigttext: Der Aaronitische Segen (4. Mose 6,24-26)

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Liebe Gemeinde,
Gottes Segen, mir selbst zugesprochen, berührt innerlich. 
Diese Erfahrung haben Sie hoffentlich auch schon gemacht – sei es bei der Konfirmation oder der Trauung, vielleicht aber auch im normalen Sonntagsgottesdienst, der fast immer mit dem Segen, oft in der genannten Form, endet. 
Dabei ist dieser Schluss des Gottesdienstes mit den Worten des Aaronitischen Segen noch nicht so alt – Martin Luther stellt ihn bei der Reform des Gottesdienstes an diese Stelle. 
Die hebräischen Worte selbst sind schon sehr alt, sie sind ein Auftrag Gottes an Aaron und seine Söhne, die Menschen Israels zu segnen. 
Dieser Segen ist eine Zusage Gottes, dass er ein gutes Leben für den einzelnen Menschen möchte und uns ganz nah ist. 
Diese Worte des Aaronitischen Segens verbinden uns bis heute mit dem Judentum, denn er ist Teil der Sabbatliturgie und des jüdischen Gottesdienstes.
Was ist denn Segen eigentlich? Segen ist ein persönlicher Zuspruch Gottes an mich, an Sie, an jeden einzelnen Menschen persönlich. 
Es ist mehr als ein Wunsch, der geäußert wird. 
Im Segen wirkt Gott, während wir Menschen ihn nur empfangen, also nichts tun können, um ihn zu verdienen. 
Gott wirkt im Segen, nicht der oder die Segnende, diese sind nur Mittler. 
Gott wirkt im Segen zum Guten hin. 
Er möchte ein gutes Leben, ein besseres Leben für uns. 

Um die Bedeutung des Segens besser verstehen zu können, schauen wir uns noch einmal die Worte des Aaronitischen Segens an, der aus drei Sätzen besteht. 
Er beginnt mit den Worten: „Gott segne dich und behüte dich.

Es ist ein einfacher und kurzer Satz, der so viel umfasst: Mit seinem Segen wirkt Gott in unser Leben hinein: er bewirkt Kraft, Glück, Fruchtbarkeit und noch viel mehr. 
Sie kennen die biblischen Geschichten von Frauen, die lange unfruchtbar waren wie Sara oder Elisabeth und die von Gott 
gesegnet werden – mit einem Kind. 
Sie kennen die biblische Geschichte von Abraham, der von Gott in ein neues Land geschickt wird und vorher noch Gottes Segen erhält mit der Zusage von Land, Reichtum und Nachkommen. 
Gott erweist sich an den Menschen, die auf ihn vertrauen, als ein guter, zuverlässiger Weggefährte. 
Sein Segen wirkt in unser Leben hinein, verändert es zum Besseren. 

Eine Anmerkung der Vollständigkeit halber: das heißt nicht, dass der Weg einfach wird und unser Leben immer glatt und nur bergauf läuft. 
Aber auch in allem Schweren und allem Leid, in Überlastung und Einsamkeit, in allem Versagen und allem Dunklen ist Gott da, ganz nah bei uns. 
Bei Gott können wir unsere Sorgen loswerden, ihn anschreien und anklagen, ihn in Zweifel ziehen und uns von ihm entfernen. 
Dennoch bleibt er bei uns, nimmt seinen Segen nicht weg. 
Gott sagt jedem Menschen seinen Schutz und seine Begleitung durch das Leben zu: Gott segne und behüte dich.
Der zweite Satz des Aaronitischen Segens lautet: „Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“; Gott wendet sich dem einzelnen Menschen persönlich zu, leuchtend und hell. 
Unabhängig davon, ob ich mich ihm zuwende, wendet Gott sich mir zu und lässt sein Licht und seine Klarheit über mir und meinem Leben aufstrahlen. 
Sein Licht und seine Klarheit strahlen in unser Leben und erhellen auch die dunklen Ecken unseres Lebens. 
Gott nimmt uns ganz und gar in den Blick, in seinen gnädigen Blick. 
Da ist kein Platz für Scham oder Lüge. 
In Gottes Licht erscheint mein Leben als das, was es ist: ein menschliches Leben mit Schwächen und Stärken, Erfolgen und Niederlagen. 
All das nimmt Gottes gnädiger Blick wahr. 
Ohne zu verurteilen, schaut er auf uns. 
Sein Wohlwollen lässt uns auch unser Leben anders wahrnehmen: Dadurch, dass Gott gnädig auf mich schaut, kann auch ich gnädiger mit mir, mit meinen Fehlern und Niederlagen sein. 
Mir selbst zu verzeihen, anderen zu verzeihen – Gottes gnädiger Blick hilft dabei.

Nun sind wir beim dritten Satz des Segens angelangt, der lautet; „Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Gott erhebt sein Angesicht über uns Menschen und sieht uns an. 
Vor ihm sind wir alle gleich: Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Junge und Alte. 
Keine und keiner zählt mehr oder weniger. 
Von Gott werden wir alle gleichermaßen gesegnet, von Gott werden wir alle gleichermaßen geliebt. 
Das ist für uns Menschen manchmal schwierig nachzuvollziehen, da wir uns oft mit anderen vergleichen, oft miteinander im Wettbewerb stehen. 
Vor Gott sind wir alle gleich. 

Für alle Menschen will Gott „Schalom“, das oft mit „Frieden“ übersetzt wird. 
Im ursprünglichen Wortsinn bedeutet „Schalom“ Unversehrtheit, die Befreiung von Unheil und Unglück, das Wort bedeutet aber auch Wohlergehen, Zufriedenheit, Gesundheit, Sicherheit, Ruhe. 
„Schalom“ ist also ein alle Bereiche des Lebens umfassender Zustand der Vollendung, den wir auf dieser Erde und während unseres Lebens nur in Fragmenten erfahren, der aber immer Ziel unseres Lebens und unsere Hoffnung ist. 

Gottes Segen berührt mich persönlich, weil Gott in mein Leben hineinwirkt und es zum Besseren verändert. 
Und trotz Abstand wirkt Gottes Segen – unabhängig von der Situation. 
Und wenn Sie nochmal den Aaronitischen Segen lesen, können Sie, wenn 
Sie mögen, in ihre eigene Handfläche ein Kreuzzeichen zeichnen: ein Zeichen, dass wir alle gesegnet sind von Gott, der ein gutes Leben für uns möchte und der uns auf allen Wegen begleitet.

Ich wünsche Ihnen auf allen Wegen Gottes reichen Segen,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe