Lesepredigt zum Mitnehmen
4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020

Wochenspruch: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal 6,2)

Predigttext: Gut und Böse (Römerbrief 12,17-21)


Liebe Gemeinde,
der Kampf zwischen Gut und Böse ist das Thema vieler Märchen, Western und Filme. Oft gipfeln diese Auseinandersetzungen in einem großen Showdown, in denen in der Regel der oder die Guten gewinnen. Happy End! Und der Zuschauer ist zufrieden: Das Böse wird durch das Gute besiegt. So soll es sein. Das beruhigt. Denn wissen wir nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus der Jahrtausende alten Geschichte der Menschheit: im wirklichen Leben siegt nicht immer das Gute. Das weiß auch Paulus. Deshalb schreibt er vor fast 2000 Jahren an die Gemeinde in Rom:

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Dieser letzte Vers ist ein beliebter Konfirmationsspruch. Die Jugendlichen suchen ihn aus, weil er eine klare Haltung benennt: Tue das Gute, meide das Böse. Das klingt klar und einfach. Ich tue mich mit den Kategorien von Gut und Böse allerdings schwer. 

Denn die Guten sind nicht immer nur gut, und die Bösen sind nicht immer böse. Und je älter wir werden, desto differenzierter sehen wir die Welt und stellen fest, dass böse und gut als Beschreibungen der Wirklichkeit zu kurz greifen. 

Auch in Bezug auf die Religion und Gott. Wie oft sprechen wir vom lieben Gott, und das mit gutem Recht. Doch gibt es auch einen bösen Gott? Ich sehe Sie die Stirn runzeln, wenn Sie diese Frage lesen. Gott und böse – das passt doch nicht zusammen. Und doch hat Gott alles geschaffen, das Gute und das Böse und alles dazwischen. Und so sind wir Menschen auch geschaffen, gut und böse, mit allen guten Eigenschaften und mit allen schlechten Eigenschaften und vielem dazwischen. Und wir sind geschaffen mit der Freiheit, uns zwischen diesen Polen zu entscheiden. 

Schon eine der ersten Erzählungen der Bibel, die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies, macht deutlich, dass der Mensch die Wahl hat, sich zu entscheiden, das Richtige zu tun oder einen anderen, verbotenen Weg einzuschlagen. Diese Entscheidung zwischen gut und böse, richtig oder falsch müssen wir immer wieder treffen. Wir können uns nicht einmal entscheiden und sind dann für immer auf dem Weg des Guten. Immer wieder müssen wir uns neu ausrichten, immer wieder überlegen, welche Konsequenzen unsere Worte und Handlungen haben. Und immer wieder machen wir Fehler, treffen die falsche Entscheidung.

Da ist es gut, dass wir einen fehlerfreundlichen Gott an unserer Seite haben, der uns, seine geliebten Kinder, immer begleitet und alle Fehler, alles Böse vergibt, wenn es uns leidtut. Gott vergibt uns unsere Fehler, wir nennen es Sünden, unsere Worte und Taten, mit denen wir gegen Gott und unsere Mitmenschen handeln. Denn durch Jesus Christus, seine Botschaft und seinen Tod am Kreuz ist die Macht des Bösen ein für alle Mal besiegt – durch die Macht der Liebe. Das bedeutet nicht, dass das Böse nicht mehr da ist. Tag für Tag sehen wir Anzeichen, dass das Böse existiert. Aber dem Bösen wurde durch den Tod Jesu am Kreuz die Kraft genommen. Jesu Tod und Auferstehung beweist Gottes große Liebe zu uns und seinen Willen, das Böse in die Schranken zu weisen und eines Tages die Welt zu einem wahrhaft guten Ort zu machen. 

Und wir können schon heute unseren Teil dazu tun. Denn Jesu Vorbild hat gezeigt, dass wir auf Gewalt oder Provokation nicht immer mit verbaler oder körperlicher Gewalt antworten müssen. Gewalt erzeugt Gegengewalt – das kennen wir aus zahlreichen Beispielen im Kleinen auf dem Spielplatz im Kampf um das Sandförmchen oder im Großen durch kriegerische Auseinandersetzungen, die selten ein Land wirklich befrieden. Der Konflikt wird dann an anderen Orten, in der Bevölkerung oder durch Attentate weitergeführt.

Gewalt erzeugt Gegengewalt, das weiß auch Paulus. Noch kennt er die Gemeinde in Rom nicht persönlich, aber er hat von Konflikten zwischen der jüdischen und der christlichen Gemeinde in Rom gehört. Und er rät den römischen Schwestern und Brüdern: Lebt mit allen in Frieden! Und wenn euch jemand etwas Böses will, tut ihm etwas Gutes. Paradoxe Intervention nennt man das. Statt mit Hass oder Gegengewalt zu antworten, trete ich aus der Gewaltspirale heraus und behandle mein Gegenüber so, wie ich auch behandelt werden möchte, nämlich freundlich. Die römischen Christ*inn*en werden vielleicht den Kopf geschüttelt und gesagt haben: Natürlich schlage ich zurück, wenn mich jemand angreift. Ich bin doch kein Schwächling. 

Nein, ich bin kein Schwächling, wenn ich Gewalt mit guten Taten beantworte, denn dieses Verhalten erfordert Charakterstärke. Einfacher wäre es, zurückzuschlagen oder fortzulaufen und sich der Situation zu entziehen. Paulus rät aber zur gewaltfreien Aktion, zu einer Tat der Liebe am Gegenüber. Liebe überwindet die Gewalt – kein einfacher, aber ein wirkungsvoller Weg! Ein Weg, den wir lernen müssen. Denn wenn mir jemand ein Unrecht oder Gewalt antut, ist es meine unwillkürliche Reaktion, Wut zu spüren und Rache zu wollen. Diese Emotionen zurücktreten zu lassen, nicht sofort mit Worten oder Taten zurückzuschlagen, fordert von uns sehr viel. Das weiß Paulus. Der Verzicht auf Rache erzeugt in uns ein Gefühl von Demütigung und Ungerechtigkeit. Doch Paulus schreibt: Die Rache gehört Gott, er wird die Gerechtigkeit wiederherstellen – nach seinem Willen und nach seinem Maßstab und zu seiner Zeit.

Unser Happyend sieht also nicht so aus wie in einem Western oder Märchen, in dem der oder die Böse am Ende stirbt. In Jesus Christus hat Gott dem Bösen die Macht genommen, aber es ist noch immer in der Welt und fordert immer wieder unsere Entscheidung. Wir haben die Freiheit zu entscheiden, ob wir das Gute oder das Böse tun wollen. Und egal, wie unsere Entscheidung ausfällt, wir sind getragen von Gottes Liebe und seiner Vergebung. Durch Gott können wir das Böse durch Gutes überwinden – immer wieder.

 Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

 

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe