Lesepredigt zum Mitnehmen
6. September 2020


Wochenspruch: Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)
Predigttext: Kains Brudermord (1. Mo 4,1-16)


Liebe Gemeinde,
heute geht’s im Predigttext mal zur Sache: „Endlich mal was mit action“, würden meine Konfis sagen, „endlich fließt mal Blut.“ Also eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Die Erzählung gehört zur sogenannten Urgeschichte, zu den elementaren Erzählungen, die uns als Menschen in der Beziehung zueinander und zu Gott beschreibt und die menschliche Grundfragen und Grundprobleme aufnimmt. Die Erzählung von Kain und Abel ist eine Familiengeschichte und noch viel mehr. Hier stellt sich die Frage nach der Willkür Gottes, nach unserem Umgang mit Ablehnung oder Nichtbeachtung. Und die Frage nach Schuld und Strafe. Doch alles der Reihe nach!

Die Geschichte beginnt mit der Zeugung und Geburt Kains und einer stolzen und frohen Mutter, die Gott für die Geburt ihres ältesten Sohnes dankt. Jede Mutter kann nachvollziehen, dass man nach der Geburt eines gesunden Kindes dankbar und froh ist. Die Geburt ihres zweiten Sohnes Abel wird nur am Rand erzählt. Beide Kinder wachsen auf und ergreifen unterschiedliche Berufe: Abel wird Schäfer, Kain Landwirt. Soweit so gut, nicht verwunderlich für Geschwister, dass sich beide Brüder unterschiedlich entwickeln. So geht die Zeit ins Land.

Eines Tages bringen beide Gott ein Dankopfer: Kain opfert die Früchte seines Feldes, Abel die Erstlinge seiner Herde. Gott sieht Abels Opfer gnädig an, Kains Opfer nicht. Ohne Begründung, was natürlich unsere Phantasie beflügelt. Was sind die Gründe für Gottes Reaktion auf die unterschiedlichen Opfergaben? Ich kann mich gut erinnern, dass ich vor langer Zeit, noch in meiner Heimatgemeinde in Krefeld, eine Predigt hörte, die aus den unterschiedlichen Opfergaben, also Fleisch und Fett bzw. Getreide, Gottes unterschiedliche Reaktion auf die beiden Opfer herleitete: Getreide sei nicht so wertvoll wie Fleisch oder Fett. Doch der Text schweigt dazu. Und mutet uns und Kain Gottes Willkür zu. Gott schaut auf den einen gnädig, auf den anderen nicht. Und das ist ja eine menschliche Erfahrung, dass Leben durchaus ungerecht sein kann: der eine ist mit allen Gaben und Reichtümern gesegnet, der andere muss sich jeden Fortschritt hart erkämpfen. Erfolg und Scheitern sind oft nicht zu erklären. Und auch in der Gottesbeziehung ist es nicht immer einfach: manchmal scheint Gott weit weg, dabei bräuchte ich dringend Gottes Beistand. Der eine ist mit Gott gut im Kontakt, der andere nicht. Was Kain erfährt, ist also eine Grunderfahrung menschlichen Lebens.

Und Kain reagiert, wie viele von uns reagiert hätten: er wird neidisch und zornig. Und senkt seinen Blick. Das heißt: Kain schaut nur noch auf sich und seinen (wie er findet) „gerechten“ Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit. Auch das kenne ich: dieses Hineinsteigern in etwas vermeintlich Ungerechtes. Warum hat sie den Job bekommen, wo ich doch mindestens genauso gut geeignet bin? Warum hat mein Nachbar immer nur so ein Glück mit den Blumen, obwohl ich doch so viel Zeit im Garten verbringe? Warum schaut Gott gnädig auf Abel und nicht auf mich? 

Gott sieht Kain und seinen Zorn. Und er spricht den älteren Bruder an: „Warum bist du so zornig? Warum schaust du nur auf dich?“,  fragt Gott. Und er warnt Kain: „Wenn du nichts Unrechtes vor hast, kannst du doch den Kopf heben und offen in die Welt schauen. Pass auf, sonst machst du einen Fehler. Du weißt, was richtig und was falsch ist. Und du weißt auch, dass man manchmal lieber einen Fehler machen möchte als das Richtige zu tun. Pass auf, dass du keinen Fehler machst. Entscheide dich dagegen, ich weiß, dass du das kannst.“

Gott wendet sich hier direkt an Kain: nichts weist darauf hin, dass er von ihm nichts mehr wissen will. Nein, Gott kümmert sich um Kain, versucht ihn aus seinem Zorn und seinem Neid auf seinen Bruder herauszuholen. Schon bevor irgendetwas passiert ist, weist Gott auf mögliche Konsequenzen seines Handelns hin. Doch die fehlende Antwort von Kain lässt ahnen, dass ihn Gottes Worte nicht erreicht haben.

Stattdessen ergreift der immer noch zornige Kain die nächste Gelegenheit und schlägt seinen ahnungslosen und an der Situation völlig unschuldigen Bruder Abel tot. Zorn ist ein schlechter Ratgeber. Wie schnell hat man sich über eine Nachricht eines Bekannten geärgert, fühlt sich kritisiert. Da schreibe ich doch schnell mal einen wütenden Text zurück. Oder hat die Nachbarin etwa extra nicht hingeschaut und zurückgegrüßt? Dann werde ich sie in Zukunft auch nicht mehr grüßen, ihren Mann und die Kinder übrigens auch nicht. Mein Kopf weiß, dass meine Reaktion nichts besser macht – im Gegenteil.

Kains wütende und ungerechte Reaktion auf die Ablehnung seines Opfers durch Gott ruft diesen wieder auf den Plan: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Wahrscheinlich wird Kain erst in diesem Moment verstanden haben, was er getan hat: er seinen eigenen Bruder aus Neid und Zorn ermordet. Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Soll ich auf meinen Bruder aufpassen? Habe ich Verantwortung etwa für meinen Bruder?“ 

Tragen wir Verantwortung für unsere Mitmenschen? Schnell schlüpft uns da ein „Nein“ über die Lippen. Für mich selbst Verantwortung zu tragen, ist ja nun schon schwer genug, oder? Aber da fällt mir der Wochenspruch ein: Das was ihr dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan, sagt Jesus. Liebe Schwestern und Brüder, Christsein heißt, dass ich meine Verantwortung vor Gott und gegenüber meinen Mitmenschen wahrnehme: Not sehe und versuche zu lindern. Ablehnung wahrnehme und versuche zu überwinden. Aus dem Vertrauen heraus, das Gott mich im Gelingen und im Scheitern liebt und annimmt, kann ich immer wieder den Schritt auf andere zugehen und Verantwortung übernehmen. 

Weil Kain weder Verantwortung für sich noch für sein Handeln übernimmt, ist Gottes Urteil hart: Kain wird verflucht, er muss sein Land verlassen. Damit ist sein Überleben infrage gestellt. Und so bittet er Gott um Gnade – wohl wissend, dass er kein Anrecht darauf hat. Doch Gott erweist sich als gnädig: Kain bekommt ein besonderes Kennzeichen, das sein Leben schützt. Niemand darf ihn, den Mörder, töten. Sein Leben wird verschont. So verändert Gottes Gnade den Zusammenhang zwischen Tat und Tatfolge, von Tod und Todesstrafe. Doch der Verfluchte muss sich vor Gottes Angesicht verbergen. Durch seine Tat ist die Beziehung zu Gott mindestens gestört, wenn nicht grundlegend infrage gestellt. Doch die Geschichte endet mit einem Hoffnungsschimmer für Kain: er findet eine neue Heimat im Lande Nod. 

Was können wir aus dieser Geschichte lernen, die sich mit dem existentiellen Fragen der Menschheit beschäftigt? 
1. Leben ist manchmal ungerecht. 
2. Als Christinnen und Christen haben wir die Verantwortung für unsere Taten und unsere Nicht-Taten.
3. Es ist ein großer Fehler, den Blick zu senken und Gott und die Mitmenschen aus dem Blick zu verlieren.
4. Wir können allezeit auf Gottes Liebe und Gottes Gnade vertrauen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,
Ihre Pastorin Ulrike Kobbe