Lesepredigt zum Mitnehmen

3. Januar 2021
Predigt: Vorsätze für das neue Jahr (1. Joh 5,11-13)


2021 - das neue Jahr hat begonnen. Drei Tage ist es nun schon alt. Und wie geht es Ihren Vorsätzen für das neue Jahr? Oder haben Sie im Rückblick auf das vergangene Jahr, das uns allen mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie viel abverlangt hat, bewusst auf gute Vorsätze verzichtet – wohl wissend, dass es im Leben anders kommen kann, als wir es erwarten. 

Der Beginn eines neuen Jahres (besonders nach dem Corona-Jahr 2020) ist mit Unsicherheit und Erwartungen besetzt: Was wird dieses Jahr in meinem Leben, in der Gesellschaft und unserer Gemeinde, in der Welt passieren? Werde ich und die, die mir lieb sind, gesund bleiben? Werden wir in diesem zweiten Jahr nach Entdeckung des Corona-Virus wieder mehr Normalität in unserem Alltag bekommen, wann kann ich geimpft werden? Können wir bald wieder Gottesdienste und Feste feiern? Was wird uns in diesem Jahr erwarten? Und sind wir darauf vorbereitet?

Unsicher schauen wir auf das kommende Jahr. Und die wahrscheinlich bevorstehende Verlängerung des Lockdowns sowie die Diskussionen um die richtige Impfstrategie und die richtigen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus tragen auch nicht zu einer Beruhigung bei. Kurz gesagt: Um das neue Jahr herum sind die Menschen verunsichert, stellen sich und ihr Leben in Frage, nehmen sich Veränderungen/ Verbesserungen ihres Lebens und Glaubens vor.

Solche Verunsicherung kennen nicht nur wir, schon in den Schriften des Neuen Testamentes, gerade in den Briefen, können wir erkennen, wie die ersten Christinnen und Christen im ersten nachchristlichen Jahrhundert um die richtige Lebens- und Glaubenshaltung gerungen haben. So setzt der Schreiber des ersten Johannesbriefes am Ende seines Briefes eine Vergewisserung (1. Joh 5, 11-13):
„Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; werden Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Der Text scheint mir beim Lesen recht abstrakt: „wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben“. Was heißt denn das? Den Sohn haben. Ich finde diese Formulierung nicht gerade glücklich, sie wirkt so vereinnahmend. Ich kenne Menschen, die so gleichermaßen von ihrem Auto, ihrer Kleidung und ihren Kindern sprechen. Dieses Haben bedeutet nichts anderes als besitzen. Und als meinen Besitz würde ich Jesus nicht bezeichnen. 

Was brauchen wir also, um nach der Auffassung des Briefeschreibers „den Sohn zu haben“? Vielleicht ist „haben“ im Sinne von glauben oder nach dem Vorbild Jesu das Leben gestalten gemeint? Denn an Jesus glauben bedeutet ja, dass ich nicht so lebe, wie allein ich es will – ohne Rücksicht auf andere und auf Gott. „An Jesus glauben“ heißt: ich habe meine Mitmenschen im Blick, beute die Schöpfung nicht aus, halte mich an die christlichen Grundregeln des Lebens. Und all das tun wir mit mehr oder weniger Erfolg jeden Tag unseres Lebens. Wir sind Christen und verhalten uns so.

Insofern haben wir Jesus, er vereinnahmt im besten Fall unser ganzes Leben, unser Glauben, Reden und Handeln. Um ihn kommt niemand von uns herum. Er teilt unser Leben und ist ganz nah. Das haben wir gerade groß gefeiert: Weihnachten wird Gott Mensch. Jesus, der Sohn Gottes, ist geboren. Er wird Fleisch und Blut.

Das ist eine großartige Tat Gottes, dass er Mensch wird: dadurch wird er für uns fassbar. Gott setzt sich den Bedingungen der Welt aus. Und diese Bedingungen sind für seinen Sohn nicht gerade ideal: Schon als Kind lernt er Armut und Flucht, Heimatlosigkeit und Lieblosigkeit kennen. Seine Mutter muss in einem Stall, damals wahrscheinlich eine kalte, feuchte Höhle gebären. Schnell müssen seine Eltern vor einem machthungrigen König fliehen, der alle Neugeborenen tötet. Kein guter Start ins Leben. Und trotzdem beginnt dort ein Leben, das viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und das noch heute erzählt und als Vorbild genommen wird.

Bei der Vorbereitung der Predigt bin ich auf einen Satz gestoßen: „Den Sohn haben heißt in Jesu Fußspuren treten“. Und erst einmal habe den Kopf geschüttelt und gedacht: Jesu Fußstapfen – die sind mir zu groß. Doch der Satz hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Wenn ich Jesu Leben als Vorbild nehme, fallen mir viele Szenen ein, in denen ich ihm gerne folgen möchte: 

Ich denke an Jesu freundlichen Blick – auf Kinder, auf Außenseiter, auf vom Leben Geschädigte. Diesen Blick möchte ich mir zu eigen machen. Und damit vermeiden, dass in meinem Kopf die Klappe fällt und ich über das Elend der Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU hinwegsehe oder über die Corona-Toten und -Kranken nur als Zahl zur Kenntnis nehme. Diese Unvoreingenommenheit Jesu, dieser wohlwollende Blick auf alles Leben, den möchte ich mir manchmal zu eigen machen. 

Ich denke da an die vielen gemeinsamen Essen Jesu mit seinen Freunden und Bekannten, zum Teil auch völlig Fremden. Gemeinsam das Brot teilen und den Kelch von Hand zu Hand wandern lassen, das machen wir auch bei unserem Abendmahl. Gemeinschaftlich feiern – wie gerne möchte ich das wieder. Und schon heute kann ich Freundlichkeit durch ein Lächeln (auch hinter der Alltagsmaske) weitergeben und Gemeinschaft durch eine Spende an Ärmere herstellen.

Und ich denke an Jesu Klarheit: seine Position gegen andere zu verteidigen und sie nicht zu verlassen, nicht um der Harmonie willen einlenken. Auch im Wissen, dass der andere mächtiger oder lauter ist als ich, noch den Kopf hochhalten und bei meiner Überzeugung bleiben, das ist eine Eigenschaft, die ich mir gerne abschaue. Nicht kämpfen um des Kämpfens willen, sondern um der Sache willen diskutieren und keine falschen Zugeständnisse machen. Da möchte ich gerne in die Fußstapfen Jesu treten.

Schauen wir noch einmal zurück: Wenn wir in den Fußstapfen Jesu unterwegs sind und wir Jesus in unserem Herz und Sinn haben, dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: Wir haben den Sohn und so auch die Gewissheit: wir haben das ewige Leben. Wir haben es – und nicht auf Zukunft hin gedacht: wir werden es bekommen. Das ewige Leben ist schon da. Wir brauchen nicht mehr darauf zu hoffen, es ist schon hier. Wir haben das ewige Leben.

Eine ungewohnte Vorstellung: gehen wir doch davon aus, dass das ewige Leben erst mit dem Tod beginnt. Das werfen doch Religionskritiker dem Christentum vor: dass alles nur eine Vertröstung sei, nichts Reales in der Gegenwart, sondern eine Wunschvorstellung für die Zeit nach dem Tod. Der Predigttext sagt da etwas anderes: Die neue Zeit hat schon begonnen – mit der Geburt von Gottes Sohn vor mehr 2000 Jahren in dem Stall von Bethlehem. Ein (un)fassbares Hoffnungszeichen hat Gott gesetzt. Und damit beginnt das ewige Leben für alle, die an den dreieinigen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, glauben. 

Deswegen kann uns auch die Zukunft nicht schrecken. Mag das Neue Jahr bringen, was es will: Trotz eines weiteren Lockdowns und vielen Einschränkungen, trotz Corona-Leugnern und Querdenkern können wir gewiss sein: wir haben den Sohn. Und Gott wird uns gewiss durch alle Krisen und Veränderungen, die im neuen Jahr auf uns warten, begleiten. 

Unabhängig von aller Verunsicherung, allen Erwartungen und Sorgen zu Jahresbeginn - eine Garantie haben wir: Wir haben das ewige Leben. Nichts und niemand kann uns diese Sicherheit nehmen. Und auch wenn noch nicht alles so ist, wie wir es uns wünschen, weder in unserem Leben noch in den globalen Zusammenhängen: Gott verspricht, dass irgendwann alles gut werden wird. Allerdings wird dieses Versprechen erst vollständig in der Zukunft eingelöst. Doch wir können uns freuen, denn wir haben jetzt schon Anteil am ewigen Leben.

In diesem Vertrauen können wir in das neue Jahr gehen. Vielleicht ist es dann leichter, manches zu akzeptieren und schwierige Phasen durchzuhalten. Vielleicht ist es in den Fußstapfen Jesu möglich, einen liebevollen Blick auf die Menschen in unserem Umfeld zu haben, Möglichkeiten der Gemeinschaft miteinander trotz Corona-Maßnahmen zu suchen und zu finden, mit klarer Haltung andere zum Nachdenken bringen. In der Gewissheit des ewigen Lebens können wir leben – heute und morgen – ohne Angst vor der Zukunft und im Vertrauen auf Gott!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr 2021,

Ihre Pastorin Ulrike Kobbe