Lesepredigt zum Mitnehmen
8. Sonntag nach Trinitatis, 2. August 2020

Wochenspruch: Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Epheser 5, 8.9. 

Liebe Gemeinde,
ein Leben, welches bestimmt ist von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit ist gar nicht so einfach. 


Denn es steckt in unserer Natur auch ein großes Stück Egoismus, was mit Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit nicht zusammenpasst. Mit unserer Haltung haben wir uns in der Evolutionsgeschichte unseren Platz erobert. Nur genügend beachtet werden, genügend haben, möglichst weit vorne sein, immer ein bisschen mehr. Dafür sind wir bereit, viele Werte zu opfern. 


Vor einigen Tagen kam im Fernsehen ein Bericht über Doping Skandale und die Frage, warum Menschen sich überhaupt dopen lassen. Und jemand sagte: Im Spitzensport geht es am Ende um 1% Leistung, die den Sieger von der Masse der Spitzensportler trennt.

 
Wenn ein Teil der Sportler sich auf Höchstleistungen hin spritzen lässt und die anderen nicht, dann haben die, die nicht dopen, nicht die gleichen Chancen wie die anderen, die es doch tun. Mit 1% weniger Leistung spielen sie da oben bei den Besten wahrscheinlich nicht mehr mit. Darum ist der Reiz es zu tun so groß, auch wenn die Gesundheit langfristig dadurch möglicherweise ruiniert wird.
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit stehen im Widerspruch zu der Haltung, der Erste sein zu wollen. Weit vorne sein, das gilt auch im Alltag: Man steht an der Supermarktkasse und wartet bis man dran ist.  Während man da so steht, schweift der Blick nach rechts zur anderen Supermarktkasse. Dort geht es schneller vorwärts. Die sind ja schon zwei Wagen weiter. Auf einmal ist das mit unserer von Güte geprägten Haltung vorbei. Der Blutdruck steigt. Er steigt noch mehr beim Blick nach vorne, wo der ältere Kunde mehrere Versuche benötigt, um umständlich seine Pinnummer in das Kassengerät einzutippen. Schließlich kommt man endlich an die Reihe. Leider muss nun die Verkäuferin, die gekauften Waren einscannt, noch das Papierröllchen für die Kassenbons wechseln... Sie kennen sicher auch solche Situationen. Warum regt das einen innerlich eigentlich so auf? Ist es, weil die anderen rechts oder links neben uns ein bisschen schneller sind?

 
Es steckt in unserer Natur ein Stück Ich-Bezogenheit, Egoismus. Und in einem gewissen Maße ist das wohl auch notwendig, um nicht unterzugehen. 
Wir schauen immer auf uns und auf das, was wir besitzen. Gott möchte, dass wir auf den anderen schauen, ihn wahrnehmen und gütig, gerecht und wahrhaftig leben. „Lebt als Kinder des Licht; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.” Wir erkennen immer wieder, wie schwer es ist, aus uns selbst heraus „Licht der Welt“ zu sein.


Deshalb brauchen wir Gottes Hilfe, der uns verändert und uns befähigt so zu leben, dass wir Kinder des Lichts sind.


Im Buch Hesekiel verheißt Gott: „Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.“


Das „Herz“ ist in der Bibel das Lebenszentrum des Menschen. Ein fleischernes, lebendiges, warmes Herz ist ein Herz, dass wegkommt vom „immer mehr haben wollen“, vom Egoismus, vom „zuerst Ich“. 


Ein Mensch mit einem fleischernen Herz nimmt den anderen in den Blick. Das fleischerne Herz macht uns zu Menschen, die Lichter in der Welt sind und Licht in die Welt bringen. Dieses fleischerne Herz bekommen wir, wenn Gott uns seinen heiligen Geist schenkt. 
Der Heilige Geist ist Gottes Lebenskraft in uns. Er ist sozusagen der Motor in uns, der uns hilft, in der Verantwortung vor Gott zu leben und Licht der Welt zu sein. 


Das hat auch Grenzen. Denn der Heilige Geist garantiert nicht, dass wir Fahrfehler machen. Ein Auto mit neuem Motor hat die Fähigkeit zum Ziel zu kommen, aber es kann dennoch geschehen, dass man auf dem falschen Weg ist und deshalb nicht zum Ziel kommt. Anders gesagt: Der Heilige Geist ist Gottes Lebenskraft in uns, aber es liegt auch an uns, dass wir auf die richtige Spur kommen und bereit sind, die Wege Gottes zu gehen. 


„Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“


Im Lebensvollzug ist das manchmal gar nicht so einfach. Was ist denn genau das von Gott Gebotene? Die Bibel gibt sicherlich klare Hinweise und eine Richtung an, wie wir leben sollen, aber sie gibt nicht im Einzelfall die genaue Antwort. Sie sagt nicht, ob Atomkraft oder Gentechnik erlaubt oder verboten ist, ob man als Soldat Dienst tun kann oder ob es geboten ist, den Kriegsdienst zu verweigern. Manchmal steht man vor Entscheidungen und weiß: egal wie ich mich entscheide, ich werde schuldig. 


In so einer Situation helfen dann nur das Gebet mit der Bitte um Klarheit und die Zuversicht, dass Gott uns auch in unserer Schuldhaftigkeit annimmt.

 
Oft äußert sich der Geist Gottes in unserem Gewissen. Da sagt uns unser Gewissen: das was du gerade tust ist nicht in Ordnung. Das, was du da gerade in der Steuererklärung steuerlich geltend machen möchtest, solltest Du besser wieder herausstreichen, denn das stimmt so nicht. 


Das, was Du gerade gesagt oder das, was du gerade verschwiegen hast, ist so nicht in Ordnung. 


Wir spüren deutlich, wenn sich das Gewissen meldet. Der Geist Gottes wirkt durch das Gewissen, aber er geht nicht im Gewissen auf. Das Gewissen ist nicht der alleinige Maßstab für unser Tun, da es auch kulturell oder auch durch die Erziehung geprägt ist. Dennoch, Gottes Geist hilft uns zurück auf die richtige Spur zu kommen und Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit in all unseren Begrenzungen zu leben.


„Christlich zu leben“, als Kinder des Lichts zu leben ist eine große Aufgabe. Wir können uns dieser Aufgabe stellen, weil Gott sein „Ja” zu uns spricht. 


Du bist bejaht, von dem Gott, der Himmel und Erde und sogar dein Leben gemacht hat und erhält. Du bist von Gott her schon Kind des Lichts. Du bist von ihm her schon gedacht und erschaffen als Licht der Welt und Salz für die Erde. Darum versuche auch entsprechend zu leben und zu handeln.


Du bist sein Kind. Wo diese Liebe Gottes Menschen ausfüllt, dort kann sich auch etwas im Menschen ändern. Wer im Licht der Liebe Gottes lebt, den wird es immer wieder zur Dankbarkeit drängen. Das verantwortungsvolle Leben entsteh viel eher aus Dankbarkeit als aus Pflicht gegenüber Gott heraus.


Der Pfarrer Martin Niemöller erzählte einmal, dass sein Vater ihn und seine 4 Geschwister nicht mit moralischen Ratschlägen und Vorschriften großgezogen hätte. "Er war," so sagte Niemöller, "ein dankbar fröhlicher Christenmensch; er trank nicht, weil es ihm nicht schmeckte, und er rauchte, weil es ihm schmeckte." Einmal gab er dem jungen Niemöller eine Weisung mit, die er nie vergessen konnte: "Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du nicht Gott danken kannst." "Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du nicht Gott danken kannst."


Dieses Wort scheint hilfreicher und tiefgründiger zu sein als manche komplizierte ethische Formel. 


Das tun, sich über das freuen, wofür wir Gott danken können. Und das lassen, das weglassen, sich von dem abwenden, was uns vielleicht lockt, wodurch wir vielleicht als clever oder cool erscheinen mögen - wofür wir aber nicht Gott danken können. Lebt als Kinder des Lichts. Möglich ist es mit Gottes gutem Geist. Ob es uns heute gelingt? Amen.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Pfarrer Ernst Schmidt