Ökumenischer Jugendkreuzweg 2021 - Backstage

Mit Palmsonntag beginnt die Karwoche, die Woche im Jahr, in der sich Christinnen und Christen aus der ganzen Welt auf das Leiden und Sterben Jesu vorbereiten. In diesem Jahr begleiten uns die Bilder des ökumenischen Jugendkreuzwegs „Backstage“ durch die Karwoche. Die Fotos nehmen uns mit zu den Proben der Passionsspiele Oberammergau 2021 und lassen uns die Passionsgeschichte aus verschiedenen Perspektiven betrachten.



Sonntag, 28. März 2021: Auf dem Weg
Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. (Mt 21,8-11)
Begeisterte. Die Menschen in Jerusalem laufen zusammen. Überall hört man Stimmen: „Da kommt er!“ „Ich sehe ihn!“ „Ich habe schon so viel Wunderbares über ihn gehört!“ „Oh, er sieht auch wirklich wie ein Prophet aus.“ Die Menschen jubeln Jesus zu, bereiten ihm den Weg. Sein Ruf ist ihm weit vorausgeeilt. Einige sind neugierig, manche wirklich begeistert. Andere kommen nur, weil sie wissen wollen, warum die Leute sich versammeln und begeistert jubeln. Ich frage mich: Hätte ich Jesus damals zugejubelt? Und wenn ja, aus welchem Grund? Weil ich von seiner Botschaft gehört habe? Weil ich den bekannten Wundertäter einmal mit eigenen Augen sehen möchte? Oder weil ich sehen will, was los ist? Wie tief geht meine Begeisterung – ist sie oberflächlich oder tief in mir verwurzelt?
Barmherziger Gott, es ist leicht, sich von der Begeisterung anderer mitreißen zu lassen. Doch ich möchte wirklich von dir begeistert sein und mit dieser Begeisterung andere anstecken. Amen.



Montag, 29. März 2021: Mit Jesus
Ich sage euch: Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5,9)

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. (Mt 10,34)
Zuhörer*innen. Solch eine widersprüchliche Botschaft – oder nicht? Mit Jesus verbinde ich Frieden, dafür hat er sich oft eingesetzt. Aber dann fällt mir die Szene im Tempel ein, wo Jesus die Händler mit Gewalt herauswirft. Also was denn nun – Frieden oder nicht? Manchmal muss man für Frieden streiten, sich dafür einsetzen. Nicht Friede, Freude, Eierkuchen, also so eine oberflächliche Harmonie. Manchmal im Leben müssen wir uns entscheiden. Und manche Entscheidung ist scharf wie ein Schwert. Sie trennt zwischen dafür oder dagegen, besonders beim Frieden. Frieden stiften, das heißt für mich, zu versöhnen, Konflikte und Auseinandersetzungen beizulegen und eben nicht zu verschärfen, aber auch nicht die Differenzen wegzulächeln oder zu ignorieren. Jesus lädt alle an seinen Tisch, er grenzt keinen Menschen aus. Er kritisiert viele Verhaltensweisen sehr scharf. Und doch: Jesus breitet für alle seine Arme aus – bis hin zum Kreuz.
Barmherziger Gott, wir wünschen uns Frieden für uns, unsere Gesellschaft, unsere Welt. Doch wirklicher Frieden ist nicht einfach herzustellen. Hilf du uns, dass wir nicht müde werden, und für Frieden einzusetzen. Amen.



Dienstag, 30. März 2021: Am Tisch
Es kam nun der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passalamm opfern musste. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir’s essen. Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes. (Luk 22, 7-8+14-16)
Tischgemeinschaft. Eingeladen und zusammen mit Freund*innen essen, das wünsche ich mir sehr. Denn lange habe ich auf gemeinsame Essen im Freundeskreis verzichtet wegen der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und die damit verbundenen und verordneten Kontaktbeschränkungen. Diese Sehnsucht nach Gemeinschaft spüre ich bei vielen Menschen. Denn solche Begegnungen mit Menschen, die uns nahestehen, geben Kraft. Und so ruft Jesus noch einmal alle an einen Tisch, mit denen er in den letzten Jahren so viel Zeit verbrachte und so viel erlebte. Denn er weiß: das was ihm bevorsteht, muss er alleine erleiden. Doch heute will er sich noch einmal stärken: mit Brot und Wein und mit der Unterstützung derer, die bei ihm sind.
Barmherziger Gott, wir sehnen uns nach Gemeinschaft und Unterstützung mit anderen Menschen und mit dir. Auch wenn wir örtlich getrennt sind, lass uns die Verbundenheit untereinander und Gemeinschaft mit dir spüren. Amen.



Mittwoch, 31. März 2021: In der Menge
Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem! Gib uns Barabbas los! Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden. Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! (Lk 23,18-21)
Menge. Es ist einfach, sich in der Anonymität der Menge zu verstecken und dort zu fordern, dass Köpfe rollen. Das passierte früher vor dem Palast des römischen Statthalters Pontius Pilatus während des Prozesses gegen Jesus, und das passiert heute bei Demonstrationen der Querdenker gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. In der Anonymität der Masse kann ich vermeintlich die Verantwortung für mein Handeln und Reden abgeben, ich bin ja nur Mitläufer und habe nur mitgerufen, was die anderen riefen. Es ist schwierig, eine dem Mainstream widersprechende Meinung zu vertreten. Dazu braucht es Rückgrat und Mut.
Barmherziger Gott, Du hast uns einen Kopf zum Denken gegeben. Hilf uns, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Gib uns die Kraft, eine eigene Meinung zu haben, auch gegen den Strom. Amen.



Gründonnerstag, 01. April 2021: Unterm Kreuz
Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. (Joh 19,23)
Soldaten. Es ist so einfach, ein Soldat zu sein. Ich tue, was mir aufgetragen wird. In diesem Fall setzen wir ein Todesurteil um – egal, ob da viele Menschen um den Gekreuzigten weinen und uns anfeinden. Befehl ist Befehl. Warum soll ich jeden Auftrag hinterfragen? Selbst wenn es ein guter Mann sein sollte, den wir hinrichten müssen. Irgendwas wird er getan haben, dass er hier am Kreuz endet. Dazu bin ich doch Soldat geworden, um die Macht des Staates durchzusetzen. Hier kann ich Stärke demonstrieren, die allein gar nicht habe. Ich mache mir nicht viele Gedanken um das, was ich tue: ich befolge schließlich nur Befehle. Verantwortlich dafür sind andere, oder nicht?
Barmherziger Gott, manchmal sehnen wir uns danach, die Verantwortung für unser Handeln abzugeben. Doch gib uns den Mut, Fragen zu stellen und in deinem Sinn zu handeln. Amen.



Karfreitag, 02. April 2021: Vor Gott
Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. (Lk 23,44- 46)
Jesus. Da hängt Jesus am Kreuz, seit Stunden ringt er mit dem Tod. Er leidet. Alleingelassen von den Seinen, zum Tod verurteilt als Aufrührer, dem Spott der Schaulustigen preisgegeben. Gottes Sohn hängt am Kreuz. Warum greift Gott nicht ein? Diese Frage stellt sich den Zuschauern. Warum hilft Gott dem leidenden Jesus, warum hilft Gott den vielen anderen Leidenden nicht? Jesu Leiden und Tod liefert keine wirkliche Antwort auf diese Frage. Aber ich kann mir sicher sein, dass Gott mich durch das Leid begleitet und nicht allein lässt. Dieses Vertrauen auf Gott und seinen Beistand in Leid und Schmerz sehe ich bei Jesus und höre es in seinen letzten Worten: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!
Barmherziger Gott, Gott, hilf mir auch in schweren Zeiten Deine Gegenwart zu spüren. Sei bei mir, wenn ich mich alleine und von der Welt verlassen fühle bin. Ich bitte Dich, sei immer bei mir. Amen.



Karsamstag, 03. April 2021: Im Blick
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. (Joh 19,25)
Maria Magdalena. Er ist tot, Jesus lebt nicht mehr. Ich kann es noch gar nicht fassen, die letzten Tage und Stunden waren so anstrengend. Und ich konnte nichts tun. Ohnmächtig musste ich zusehen, wie Jesus verhaftet, verurteilt und gekreuzigt wurde. Ich bin so unendlich traurig. Jahrelang habe ich ihn begleitet, und wir hatten so viele Pläne: seine gute Botschaft zu verkünden, Gottes Liebe den Menschen nahezubringen. Alle sollten erfahren, dass der Messias endlich gekommen ist und die Welt verändert. Und nun? Ich weiß nicht mehr weiter, ich sehe keine Perspektive. Ich fühle mich so machtlos.
Barmherziger Gott, nichts tun zu können, fällt mir schwer zu ertragen. Hilf mir, meine Ohnmacht einzugestehen und hinzunehmen. Amen.



Ostersonntag, 04. April 2021: Backstage
Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. (Mt 28,5-8)
Wir. Das Kreuz wird abgebaut, die Halle ist von Licht erfüllt: es ist Ostern. Jesus ist auferstanden, die Macht des Todes besiegt. Schon in der Nacht hätten wir das Osterlicht in der Versöhnungskirche verbreitet, am Osterfeuer gestanden, den Ostergruß gesprochen: „Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ In diesem Jahr feiern wir als Gemeinde Großenbaum-Rahm keine Osternacht, keinen Gottesdienst am Ostermorgen. Und am Ostermontag nach dem Gottesdienst werden in diesem Jahr (wieder) keine Ostereier auf der Kindergartenwiese gesucht. „Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Diese Wiederholung zeigt das Außerordentliche dieses Ereignisses. Gott vermag Unmögliches: er macht Totes lebendig, er lässt aus Angst Hoffnung werden, er verwandelt Trauer in Freude. Gerade in diesem Jahr brauchen wir diese Hoffnung, diese Freude, diesen Glauben an Gott, der immer da ist und Unmögliches möglich macht.
Barmherziger Gott, an Ostern siegt die Hoffnung über die Angst, die Freude über die Trauer, das Leben über den Tod. Lass uns die Osterfreude spüren – heute und jeden Tag. Amen.